| Vergeben und Vergessen |
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Von Dr. Harbhajan Singh Es gibt zwei Kräfte in der Welt: die eine ist Gerechtigkeit, die andere ist Vergebung. Gerechtigkeit ist eine gute Sache in der Welt, aber was Vergebung in der Welt bewirken kann, ist für die Gerechtigkeit niemals möglich. Irren ist menschlich, und den Fehler eines anderen zu vergessen ist keine große Sache. Wenn Strafe immer nur die einzige Lösung für einen Sünder ist, werden Sünder und Sünden in der Welt nie enden. Blut kann nicht mit Blut weggewaschen werden. Wenn wir nach Gerechtigkeit verlangen, so wird die Strafe für die begangene Sünde folgen, und der Sünder muss sich der Strafe ergeben. Aber im Inneren entsteht Hass für den einen, der ihn aufgrund der Gerechtigkeit bestrafte. Durch Strafe entwickelt sich die Neigung zu Hass immer mehr und verstärkt sich zu Rachsucht und wann immer er die betreffende Person sieht oder trifft, steigen Gedanken der Rache in ihm auf. Vergebung ist ein Geschenk Gottes. Sie erhebt sich aus der Tiefe des Herzens und wirkt, wenn sie entwickelt wird, Wunder in der Welt und im Herzen des Sünders. Durch Vergebung wird das Gift der Rache abgeschwächt und kann den Menschen nicht mehr zerstören, und die Gefühle der Rache verfliegen. Der Vergebende wird zur Wohnstatt von Liebe, Glück, Demut und Zufriedenheit. Er kann tausend Probleme durch seine entfalteten Tugenden meistern und bleibt dabei immer stark und großherzig. Haben wir die Rache einmal in Gang gesetzt, geht sie auf beiden Seiten weiter, nimmt mehr und mehr zu und bringt immer unangenehme und schmerzhafte Reaktionen hervor. Wenn ihr nun dagegen Gefühle des Verzeihens entwickelt, so wird das gleiche Gefühl auch im anderen entstehen. Setzt ihr das in die Praxis um, werden die starken und überquellenden schwarzen Wolken bitterer Gedanken im Nu verschwinden. Beide Seiten erheben sich und fühlen die Ausstrahlung des steten ruhigen Mondes und die Hoffnung der Sonne, die ein für allemal die Dunkelheit des Hasses und der Rachsucht vertreibt. An ihrer Stelle beginnt sich respektvolle Freundschaft zu entwickeln.
Vergebung hat die Eigenschaft, nicht in Rache zurückzusehen. Beide (Vergebung und Rache) können nicht nebeneinander existieren. Die Rache in der Welt verdarb die Menschheit, Zivilisation und die Unschuldigen. Jede Aktion hat ihre Reaktion. Eure Gedanken sind sehr mächtig. Entwickelt ihr liebevolle Gedanken, so bringen sie eine liebevolle Reaktion hervor. Schafft ihr eine respektvolle Haltung, so werden überall respektvolle Gefühle entstehen. Und wie geschieht das? Eure Gedanken, die sehr mächtig sind, werden durch eure liebevollen Bemühungen verändert. Wenn wir Saaten der Liebe säen, wird ein Baum der Liebe entstehen, an dem duftende Blüten des Mitgefühls mit all ihrem Zauber in Überfülle sprießen und heilsame und wirksame Früchte hervorbringen. Wenn wir aber aus Angst und Rachsucht dornige Büsche säen, dürfen wir niemals hoffen, davon Reben ernten zu können, genauso, wie man niemals erwarten kann, aus Kunstseide wollene oder seidene Kleider zu erhalten. Wenn ihr euch entschließt, niemals mehr in eurem Leben schlecht über jemanden zu denken, wird Liebe und Zufriedenheit in euch einkehren. Trefft ihr dann einen Sünder, wird er sofort damit beginnen, sich zu wandeln, um seine Sünden loszuwerden. Manches Mal wird der Sünder durch jene Liebe und Hingabe, die durch euch in ihm aufzukeimen beginnt, sehr gerührt und er beginnt zu weinen. Immer aber ist es Meister, der diesen Segen gibt. Für jene, die alle Tugenden in sich haben, ist es sehr leicht zu vergeben und zu vergessen. Sie haben ein weiches und weites Herz. Sie haben immer Ehrfurcht und Respekt vor Gott. Demut unterscheidet nicht zwischen Angeklagten und Ankläger, fragt nicht, wer der Sünder und wer der Unschuldige ist. Vergebung wäscht den Schmutz des Sünders fort und erinnert ihn an die rechte Lebensweise, während sie dem Unschuldigen einen enormen Auftrieb durch die Schwingung der Liebe gibt. Ihr wisst, der Mahabarata Krieg begann, als Kaurava, der Sohn eines blinden Königs, in den Palast des Pandava Prinzen ging. Der Boden dieses Palastes war so schön und glänzend, dass der Sohn Kauravas ihn für Wasser hielt und seine Kleider ein wenig über die Knie anhob. Prinzessin Draupadi lachte und bemerkte, dass die Kinder eines Blinden auch blind seien. Nur durch diese Worte begann der Krieg. Lord Krishna konnte sie nicht wieder vereinen, sondern drängte den Pandava Prinzen dazu, die Sünde mit Gewalt zu beenden. So wurde die ganze Zivilisation ins Verderben gestürzt. Zu vergeben ist die Handlung mutiger Menschen in der Welt. Niemals war es das Werk der Schwachen und Wankelmütigen. Ein tapferer Mensch ist immer glücklich und zufrieden, während ein schwacher Mensch sogar in guter Atmosphäre immer ängstlich bleibt. Wo Vergebung ist, dort umgeben die Kräfte der Liebe die ganze Atmosphäre, so wie Bienen den Honigplatz. Kabir sagt: "Dort, wo die Wahrheit ist, herrscht Vertrauen. Wo Lüge ist, ist Sünde. Wo Habgier herrscht, ist der Tod. Und wo Vergebung ist, dort kommt Er selbst." So gebührt der Vergebung der höchste Rang in der Welt. Die Schönheit des Vergebens hat großen Zauber. Wir sind durch das Pralabdh Karma gebunden und müssen es beenden. Die Meister sagen uns, wir können es auf leichte und sanfte Weise – durch regelmäßige Hingabe und Liebe – abwickeln. Durch Hingabe und Liebe entsteht Demut, und durch Demut kommt Vergebung. Während eures Lebens seid ihr (durch das Pralabdh Karma) in schwierige Probleme verstrickt. Doch dieses Gesetz der Demut und Vergebung bewirkt Wunderbares, ihr könnt sonst nicht frei werden von Rückwirkungen. Nachdem man vergeben und vergessen hat, möchte sich keiner mehr vom anderen trennen. Sie wollen beisammen bleiben, liebevoll miteinander sprechen und liebevolle Gedanken austauschen. Sie scheuen sich sogar davor, an Sünde und Rache zurückzudenken. So verfliegen Sünde und Rache, ohne jemals wieder zurückzukehren, und die Atmosphäre ist vollkommen rein. Kabir Sahib verkündet: "Überall und jeder verlangt nach dem Guten." Das Gute ist die Widerspiegelung der Vergebung. Durch Verzeihen beginnt das Feuer des Ärgers zu ersticken. Es gibt keine andere Möglichkeit, dieses Feuer einzudämmen.Wenn sich Vergebung im Herzen festsetzt, verschwindet für immer der Zorn und man wird frei vom Ego. Meister sagt, dass ein Egoist keine Ehrfurcht vor Gott hat. Ein Meister sagte: "Ich war immer stärker mit der Welt identifiziert, beging mehr und mehr Sünden und war so jämmerlich betroffen von den Rückwirkungen." Sein Meister lehrte ihn, diese Probleme zu lösen. Er sagte: "Vergebt allen, und alle werden euch vergeben."
Vergeben und Vergessen ist allein das Erbe der Heiligen und derer, die den Worten der Heiligen folgen. Ego ist das Hindernis auf dem Weg des Vergebens und Vergessens. Manche Menschen vergeben aus einer Emotion heraus, oder sie unterdrücken etwas, aber sie vergessen es nicht. Dann ist keine Linderung möglich. Im Verborgenen ist das Feuer immer noch vorhanden. Wenn Sturm und starker Wind aufkommt, beginnt es von neuem zu brennen. Das Ego ist das Feuer. Dieses Feuer des Egos verbrennt den Egoisten. Die Auswirkung auf andere ist nur kurz. Gott kommt und hilft dem Unschuldigen, die Auswirkung zu beseitigen. Wer sich nicht hingibt, kann sich nicht an dem erhabenen Duft und Geschmack der Vergebung erfreuen. Kleine Bäume oder Büsche, die in der Nähe des duftenden Sandelbaumes wachsen, beginnen denselben süßen Duft zu verströmen, aber der Bambus nimmt durch den Stolz auf seine Größe den Duft nicht an. Egoisten bezeichnen sich selbst als Menschen mit guten Taten. Sie haben noch viele Geburten zu durchlaufen. Sie wühlen wie Würmer im Schmutz. Sie sind dumm, blind und unwissend. Wenn ein Mensch Millionen guter Taten ausführt, aber die Eigenschaft der Vergebung nicht in sich trägt, wird er immer wieder mit Hochmut geboren und muss viele Leben durchlaufen. Er mag in die Hölle oder ins Paradies kommen, aber er kann sich nicht über die Auswirkung von Hölle und Paradies erheben. Menschen, die die Handelnden sind, mögen in der Hölle oder im Paradies leben, aber niemals lebte jemand, der die Fähigkeit des Vergebens besitzt, im Paradies. Er lebt dort, wo der Schöpfer der Vergebung lebt. Sein Aufenthaltsort ist jenseits von Zeit und Raum. Ein Mensch, der die Fähigkeit des Vergebens besitzt, sagt nie, dass er gut ist. Denn jenen, die sich selbst für gut halten, nähert sich die Tugend niemals. Das ist ein fundamentales Gesetz, und es gibt keine Ausnahme von dieser Regel. Solange jemand denkt, er ist gut, unschuldig und hat recht, kann er weder vergeben noch ahnt er, was Vergebung ist. Er ist hart und nicht demütig. Seine eigenen Taten sind die Hindernisse in seinem Weg. Solche Menschen werden leer und hinterlassen Trockenheit; sie haben keinen guten Einfluss auf ihre Umgebung. Ein Mensch, der vergeben und vergessen kann, ist ein sehr starker Mensch. Die meisten Menschen können nicht vergessen. Vergebung erfordert ein sehr großes Herz. Und wie können diejenigen, die anderen nicht vergeben wollen, Vergebung von Gott erwarten? Wir wollen, dass uns vergeben wird. Wir beten darum, nicht wahr? Gott wird uns nur vergeben, wenn auch wir anderen vergeben. Denn wo Vergebung ist, dorthin kommt Er. Wenn jemand Seine Gegenwart nicht ehrt, verliert er diese und die andere Welt. Wenn der Egoist sich durch die belebende Schwingung und süße Erinnerung an Gott, von der er nur für einen Augenblick erfasst wird, der Vergebung hingibt, pflanzt der barmherzige Gott die Demut in sein Herz. Er erlangt Frieden und Wohlergehen hier und danach. Durch die Vergebung wird der Egoist zum bewussten Menschen. Ein habgieriger Mensch kann niemandem vergeben, denn durch seine Habgier ist er nicht zufriedenzustellen. Er möchte sich das, was er wünscht, mit allen Mitteln beschaffen und sucht daher immer Mittel und Wege, wie er seine Habgier befriedigen kann. Dabei begeht er immer mehr Sünden und sammelt übelriechenden Unrat an, wodurch die wertlosen Saaten des Hasses und der Feindseligkeit sehr schnell wachsen. Habgier ist die Wurzel aller Übel. Habgierige Menschen haben ihre eigenen Begrenzungen; sie können nicht Seite an Seite mit anderen gehen. Sie geben vor, fromm, zufrieden und wohlwollende Freunde zu sein und sprechen große Worte über die Dinge, die ihnen gänzlich fehlen, und die sie überhaupt nicht praktizieren. Von ihnen sollt ihr nie Vergebung erwarten! Habgierige Menschen unterscheiden nicht zwischen gut und böse, zwischen der Wahrheit und Falschem, zwischen richtig und unrichtig, zwischen Gerechtigkeit und Vergebung. Sie bevorzugen die Dinge, die ihrer Sache dienen. Sie unterscheiden nicht zwischen üblem Geruch und Wohlgeruch. Wo Streit beginnt, dort beginnen meist sinnlose Dinge. Ziellose Menschen werden dabei sehr aktiv und spielen sich als wichtige Berater auf, denn sinnlose Dinge sind ihr Thema. Wenn es Probleme gibt, wird sich die Frage nach Vergeben und Vergessen nur erheben, wenn die Situation frei und geklärt ist. Wenn die Hindernisse weiterhin fortbestehen, dann betet die Demut zu Gott und ruft: "In welchem Herzen kann ich wohnen?" Gott hilft ihr und zeigt ihr Mittel und Wege, diesen wunderbaren Wohnsitz zu finden. Er schenkt der Demut immer die gebührende Achtung. Gott sagt zu ihr: "Du kannst Zufriedenheit, Harmonie, Liebe, Frieden und Anziehung schaffen. Du kannst gute Gedanken verbreiten und gute Taten hervorbringen. Du kannst den Sündern und den Ergebenen gleichermaßen einen liebevollen Auftrieb geben." Die Demut arbeitet in beiden Richtungen (für Sünder und Ergebene gleichermaßen) und umfasst alle Himmelsrichtungen. Gott kommt immer, um der Demut zu helfen. Steine verlieren ihre Härte und beginnen zu schmelzen. Sie geben ihren Stolz auf und beugen ihr Haupt, um der Demut zu dienen. Gedankenwellen sind sehr mächtig. Ihr müsst lernen, sie unter Kontrolle zu bringen – ihr müsst eure Gedanken kontrollieren. Verzettelt nicht euer Leben und eure Energie, indem ihr schlecht denkt. Denkt positiv! Wenn ihr denkt, dass jemand gut ist, werdet ihr gut werden. Wenn ihr schlecht von anderen denkt, dann werdet ihr so werden. ("Wie du denkst, so wirst du.") Das ist das Geheimnis der Heiligen. Sie denken sogar gut von denen, die sie töten wollen. (Wie Christus am Kreuz: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.") Einmal geschah es, dass jemand zu Lord Buddha kam und anfing, ihn sehr zu beschimpfen. Er kam am Abend und er fuhr mit der Beschimpfung fort, bis es Nacht wurde. Wenn jemand in ärgerlicher Stimmung ist, dann vergisst er alles um sich herum. Als es dunkel wurde, dachte er: "Oh, es wird dunkel, jetzt muss ich zurückgehen!" Als er sich umwandte, sagte Buddha zu ihm: "Sieh her, lieber Freund, wenn jemand ein Geschenk mitbringt, und derjenige, dem er es brachte, es nicht annimmt, wem gehört es dann?" "Natürlich dem, der es brachte", antwortete der Mann. "Gut", sagte Lord Buddha, "ich nehme das, was du mitgebracht hast, nicht an!" Das sind Lektionen, die wir aus dem Leben großer Menschen lernen können. Gott zu erreichen ist nicht schwer, aber es ist schwer, sich zu einem wahren Menschen zu entwickeln. Wir sind alle auf dem Weg zur Vollkommenheit, einige 10%, einige 20%, einige 40%, doch wir sind noch nicht vollkommen. Wir sollten vollkommen sein, wie unser Vater im Himmel. Das ist unser Ziel. Gott liebt alle, sogar die, die Ihn beschimpfen, die nicht an Ihn glauben. Wenn ihr Gott in euch verwirklichen wollt, solltet ihr dasselbe tun. Ich habe euch nichts Neues erzählt; doch jetzt sollten wir mit reinem Herzen beginnen, danach zu leben. Was vergangen ist, ist vorbei, und wir sollten es vergessen: zuerst vergeben und dann vergessen. Doch selbst beim Vergeben sagen wir: "Ich habe dir bereits einmal vergeben, warum sollte ich dir noch einmal vergeben?" Diese Frage stellte man auch Jesus: "Was sollten wir tun, wenn wir anderen vergeben? Wie oft sollen wir ihnen vergeben? Siebenmal?" Jesus antwortete: "Ich sage euch, vergebt ihnen sieben mal siebzig!" Die Schriften sind nicht nur zum Lesen und Nachdenken da. Wir sollten etwas aus ihnen lernen. Und was auch immer ihr lernt, das sollte zum Bestandteil eures Lebens werden, und ihr würdet euch sehr bald ändern. Der Menschenkörper ist die goldene Gelegenheit, die wir erhalten haben, und wir sollten sie nützen – jeder Mensch kann sich ändern, denn es gibt Hoffnung für jeden. Jeder Heilige hat seine Vergangenheit, und jeder Sünder eine Zukunft. Viele Menschen erhalten Lektionen aus der Theorie. Sie glauben daran und finden daher ihren Weg zurück. Sie erfüllen den Sinn ihres Lebens und helfen auch anderen dabei. Solche Menschen sind die Krone der Vollendung in der Welt. Die Welt wird sich für immer an sie erinnern. Es ist der Verdienst von Heiligen wie Kabir, Guru Nanak, Guru Gobind Singh usw. und nun von Sant Kirpal Singh, der all Seinen Segen gibt, um der Menschheit zu dienen. Lasst uns ein für allemal erkennen, dass dies auch unser Erbe ist. Unser Ziel liegt jenseits des Glaubens, des Reichtums, des Erfolges und der Erlösung, und unsere Verantwortung ist jenseits aller Begrenzungen. Der physischer Körper, unsere Familie und Familienangelegenheiten, unsere Verhaftungen in der Welt – lasst sie uns alle zu Seinen Heiligen Füßen niederlegen – und lasst uns Ihm dankbar sein, wenn Er das annimmt.
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