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Frieden des Gemüts


Radiovortrag im ind. Rundfunk von Dr. Harbhajan Singh, 20. März 1983


Seit dem Beginn der Schöpfung lenkte der Mensch mehr und mehr seine Aufmerksamkeit auf das Problem seiner eigenen weltlichen Existenz, und er be­gann darüber nachzudenken, wie und warum er in diese Welt kam und was der Sinn des menschlichen Lebens ist.

Glaubenssätze und Meinungen, die auf Teilwissen und den daraus entstande­nen Lehren beruhen, konnten seinen Durst nach höherer Erkenntnis der Wahr­heit nicht löschen.

Propaganda und künstliches Zurschaustellen haben den Platz des wahren Wis­sens eingenommen, mit dem Ergebnis, dass der moderne Mensch begann, seine Fehler hinter einer freundlichen Maske zu tarnen.

Es gibt kaum einen Menschen, der uns vom Weg zum Frieden des Gemüts und von der Methode, wie er zu erlangen ist, etwas sagen kann. Die vielen Lehrer, die uns täglich in so großer Zahl begegnen, können uns dabei nicht behilflich sein, aus der großen Täuschung zu entkommen. Sie legen nur Nachdruck darauf, dass wir unseren Glauben in die eine oder andere Lebensweise setzen sollen, können uns aber nicht zu der Lebensweise anleiten, die von allen kompetenten Meistern der Welt gleichermaßen gelehrt wurde, und die man in den wertvollen Aufzeich­nungen der Heiligen Schriften finden kann.

Sie können uns auch nicht den Weg zeigen, wie wir zu derselben Erfahrung gelangen können, durch die die Heiligen und Seher der Vergangenheit die Wahrheit erkannten. Sie sagen, dass die eine oder andere Heilige Schrift eine direkte Offenbarung Gottes ist und es ausrei­chend sei, diese zu studieren, um den Frieden des Gemüts zu erlangen, ohne zu wissen, dass die spirituelle Erfahrung jenes Heiligen, der sie in den Schriften niederleg­te, solange keinen Nutzen bringen kann, bis wir fähig sind, selbst die gleiche Erfahrung zu machen. Ihre Erfahrung muss unsere werden.

Da sie gebildet sind, können sie für das, was sie behaupten, Schriften zitieren, sind aber verloren, wenn sie aufgefordert werden, praktische Führung zu geben, über die sie genauso wenig wissen wie ihre Anhänger.

Jeder Mensch wird im Laufe seines Daseins von Reichtum und Armut, Gesund­heit und Krankheit, Freuden und Sünden hin und her getrieben. Der Reichtum und die Macht der Welt sind jedoch nichts im Vergleich zu den spirituellen Schätzen, die im Menschen verborgen liegen.

Wir sind von Boshaftigkeit, Hass und Neid erfüllt und voll von Stolz, Gier und Eigenliebe. Ein Mensch in diesem Zustand kann nicht Ausgeglichenheit und Har­monie widerspiegeln und kann niemals den Frieden des Gemüts im Inneren er­langen.

Alle kompetenten Meister, die bisher in diese Welt kamen, lehrten Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Demut und selbstlosen Dienst, die die tragen­den Säulen jeder Religion sind und der Menschheit Frieden bringen. Guru Nanak sagt: "Friede sei auf der ganzen Welt nach Deinem Willen, o Herr." Die Wahrheit steht über allem, aber noch höher ist die wahre Lebensweise, und diese ist nur möglich, wenn wir Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Demut und selbstlo­sen Dienst beachten.

Ein Heiliger sagt, dass zahllose Kasteiungen, Bußübungen, Fasten und Taten der Nächstenliebe nicht den geringsten Nutzen bringen, wenn man auch nur das Herz eines einzigen Menschen verletzt, was die schlimmste aller Sünden ist.

Sheikh Saadi, ein Moslem-Heiliger, wiederum sagt, dass die Gnade Gottes nie­mals herabkommt, wenn man Seine Schöpfung nicht liebt und Gott nur jene seg­net, die dienen und Seiner Schöpfung Gutes tun.

Der Mensch ist Gott am nächsten. Gott und Mensch sind voll­kommen ineinander eingebettet und der menschliche Körper ist der wahre Tempel Gottes. Ohne das Licht Seines Lebens ist der menschliche Körper wie eine Schale ohne Kern. Gott ist Liebe – Liebe ist Gott, und unsere Seele ist vom selben Wesen wie Gott. Der Weg zurück zu Gott ist Liebe, der Weg zur Vollkom­menheit ist Liebe und der Weg zum Frieden des Gemüts ist auch nur durch Liebe möglich. Liebe kennt Opfer, und Opfer ist nur durch selbstlosen Dienst an der Menschheit möglich.

Einmal gab ein Rishi bekannt, dass er Reformer suche. Am nächsten Tag ka­men viele wohlgekleidete Leute. Er jedoch sah auf ihre Seele und nicht auf ihre Kleider und sagte: "Reformer werden gesucht, die nicht andere, sondern sich selbst reformieren und wahre Erkenntnis erlangen wollen."

Durch wahre Erkenntnis kann man mit dem seltenen rechten Verstehen gesegnet werden, da wahre Erkenntnis eine reine Handlung der Seele und vollkommen in sich selbst ist, unab­hängig von den Sinnen und Sinnesorganen – ein unmittelbares Zeugnis der Wirklichkeit. Selbst weise Worte sind nicht wirklich weise, solange sie nicht durch praktische Verwirklichung veran­schaulicht werden.

Ruskin sagt: "Es gibt keinen anderen Reichtum als das Leben mit all seinen Kräften der Liebe, des Friedens und der Freude."

Die heiligen Schriften kamen von den kompetenten Meistern. Der Makrokos­mos liegt im Mikrokosmos. Sie sahen alles im Inneren und legten es in ihren Auf­zeichnungen zu unserer Führung nieder. Sie sagen: "Jeder Heilige hat eine Ver­gangenheit und jeder Sünder eine Zukunft." Ihre Erfahrung kann unsere werden und wir können in Frieden leben, vorausgesetzt, dass wir uns hinsichtlich unserer Fehler prüfen und ein ethischen Leben führen. Ein ethisches Leben ist ein Schrittstein zum Frieden des Gemüts, aber noch nicht der Frieden des Gemüts selbst. Um Vollkommenheit zu erlangen, müssen wir tiefer gehen. Gesegnet sind jene, die reinen Herzens sind, denn sie werden die Wirklichkeit in sich und in allem se­hen, der Menschheit mit Liebe und Hingabe dienen und den Frieden des Gemüts als Segen im Inneren erhalten. Um beständigen Frieden des Gemüts zu erlangen, sollten wir ein gutes Leben führen. Das bedeutet, gute Gedanken, Worte und Ta­ten zu haben. Wahre Lebensweise ist beständige Rechtschaffenheit vom Anfang bis zum Ende.

Jeder sollte gelegentlich innehalten und prüfen, wie weit es ihm gelungen ist, sein Leben umzuwandeln. Wir sprechen, hören und lesen von Gott, praktizieren Ihn jedoch selten in unserem täglichen Leben. Wenn wir Ihn praktizieren, verlie­ren die äußeren Schwierigkeiten ihre quälende Wirkung. Es gibt keine Abkür­zungen auf dem Weg zurück zum Frieden des Gemüts. Allein wer diese Höhe er­reicht, kann jenen inneren Zustand erfahren.