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Illusion und Täuschung

Von Dr. Harbhajan Singh

Die wichtigste Lektion, die wir in der Welt lernen müssen, ist zu verstehen, dass alles, was in der Welt existiert, nur Schein ist und keinen Bestand hat. Nichts kann für immer in der Welt bleiben – wie eine Wolke, die weiterzieht. Nichts ist hier dauerhaft. Die ganze Welt leidet an üblen Taten und ist ständig ge­fangen im Netz heftiger Begierden. Die Menschen sind elend an die Welt verhaf­tet und finden keinen Weg, ihrem Einfluss zu entkommen, so wie eine Wandmale­rei nicht von der Wand zu trennen ist. In diesem andauernden Kampf geschieht oft etwas anderes, als der Mensch sich wirklich wünscht. Gleichzeitig entstehen Bindungen. Wir tun alles, um Frieden zu erlangen und bemühen uns sehr, dem Leid zu entgehen. Wir werden nur dann achtsam, wenn Leid kommt. Die ganze Welt, ob arm oder reich, selbst Könige – alle sind wie Bettler: keiner weiß dieser Täuschung zu entkommen. Die ganze Welt ist stolz auf Falschheit und Unwahr­heit, nicht wissend, dass das Leben nicht mehr ist als ein Traum. Es ist wie ein Theaterstück auf der Bühne des Traumes, das jeden Moment enden kann. Man­che erreichen ihr Ziel und begegnen dem Meister, andere bleiben von Ihm ge­trennt. Entsprechend dem Pralabdh Karma begegnen die Menschen einander und müssen sich wieder voneinander trennen. Wo sind eure Brüder und Freun­de? Seht selbst; einige sind bereits von uns gegangen, andere werden bald gehen müssen.

Oh Mensch, sei sicher, dass alles, was du in der Welt besitzt und liebst, nicht dein ist! Entweder verlassen all diese Dinge dich, oder du verlässt sie. In jedem Fall bist du der Verlierer und leidest.

Große Könige, tapfere Krieger und ihre Armeen – sie alle kamen und gingen wieder, sie zogen vorbei wie eine Karawane. Niemand konnte in der Welt bleiben. Nichts gibt es, was dem Menschen gehört. Was immer sein ist, wird vergehen, denn all das ist Täuschung!

Was in den Heiligen Schriften geschrieben steht, ist im Inneren des Menschen zu finden, aber nicht alles, was im menschlichen Körper zu finden ist, ist in den Heiligen Schriften niedergelegt. Wirklich an die Heiligen Schriften zu glauben be­deutet, nach innen zu gehen und die Schönheit der Dinge – die in ihnen erwähnt werden – selbst zu sehen, und den sich offenbarenden Gott zu erkennen. In den Heiligen Schriften können wir Hinweise auf den sich offenbarenden Gott finden, aber nicht auf den absoluten (ungeoffenbarten) Gott. Die Heiligen Schriften wei­sen die Menschen an, nach innen zu gehen. Wenn wir wirklich nach innen gehen, dann gehorchen wir und verbeugen uns vor den Heiligen Schriften und den Mei­stern. Wenn wir nicht an das glauben, was in den Heiligen Schriften steht, glau­ben wir nur begrenzt. Diejenigen, die nur innerhalb ihrer Begrenzungen glauben und nicht den Rat eines Erwachten befolgen, sind das Sprachrohr des Gemüts und sind selbst die Handelnden.

Es gibt keinen Handelnden in der Welt außer Gott. Er ist überall und wirkt in allen. Könnten wir nur die­ses Geheimnis verstehen, würden wir uns wünschen, das Sprachrohr Gottes zu sein. Er durchdringt alles. Er ist Alltagsbewusstsein, und die Essenz des Alltagsbewusstseins ist Liebe. Er selbst ist Liebe und verbreitet über­all Liebe.


Der andere Aspekt dieser Kraft ist Sein Spiel. Durch dieses Spiel verstrickt sich der Mensch im engen Netz von Kommen und Gehen. Wenn ihn sein Gemüt dazu bringt, dieses Spiel nicht nur als Spiel zu sehen, hält er es für Wirklichkeit, obwohl es (eigentlich) nur zu seiner Hilfe ins Leben gerufen wurde. Das ist Unwissenheit. Durch Unwissenheit verliert man all seine Tugenden und häuft Schuld an. Wenn die Unwissenheit durch die Gnade Gottes beseitigt wird, dann sieht der Mensch mit seinen eigenen Augen:

Gott ist der einzig Handelnde. Er ist der Fi­scher und der Fisch, das Netz und der Ozean. Er ist das Senkblei und der Köder. Er ist der Teich, Er ist der Schwan. Er selbst ist Bräuti­gam und Braut zugleich. Er ist Vater, Mutter, Sohn und Frau.


Wir aber machen Unterschiede und so schaffen wir Verhaftungen, die der Lie­be und Wahrheit im Wege stehen. Die Wirklichkeit sehen wir nicht. Unseren Ver­haftungen entsprechend rufen wir ständig Dinge ins Leben, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Aus zwei Gründen leidet der Mensch: einmal aufgrund der Trennung von Gott, und zum anderen aufgrund seiner Verhaftung an die Welt. Durch Trennung und Verhaftung kann er nicht unterscheiden, und so kann ihm spirituell nicht geholfen werden.

Wenn man die Wirklichkeit nicht kennt, unterliegt man elend der Verhaftung. Weltliche Verhaftungen bringen niemals Liebe hervor, sondern Lust, Zorn, Gier, weltliche Liebe und Egoismus. Durch diese fünf Dämonen entsteht sehr viel Leid, und der Mensch beginnt im Inneren wie Feuer zu brennen. Um diese Fehler und den Schmutz in ihm zu verbergen, beginnt er, sich im Äußeren aufzuputzen und wird so zum Abhängigen, zum Sklaven und zum Bestandteil der von Menschen geschaffenen Hilfsmittel. Er wird zum Sklaven seiner selbstgeschaffenen Proble­me. Sein Herz verlangt nicht nach den rechten Dingen. Er hält das Wahre für Illu­sion, und das Unwahre für wahr. Das ist Täuschung. Diese Täuschung macht die Seele schuldig, und sie verliert ihre Stärke. In diesem geschwächten Zustand glaubt der Mensch, dass vieles jenseits seiner Kraft und Möglichkeiten liegt. Wenn er aber sieht, dass ein anderer dazu fähig war, hält er es für übernatürlich.

So ist der Mensch durch die Ketten der Täuschung gebunden. Täuschung bringt Angst hervor, und durch diese Angst wiederum gibt die Aufmerksamkeit die Täuschung nicht auf. Das ist der schlimme Zustand des geplagten Menschen. Langsam, langsam zwingt ihn die Zeit dazu, sich seiner Umgebung anzupassen und er kann ihrem Getriebe nicht mehr entkommen. Die ganze Welt hat Angst vor den eigenen Gefühlen. Das ist Täuschung. Wir sind furchtbar missgeleitet, da wir die einzig wahre Lösung für dieses Übel nicht kennen und nicht wissen, wo es be­gann. Das Problem endet dort, wo es seinen Ausgang nahm.

Gott Selbst stellt den Sterblichen verschiedene Aufgaben (in der Welt). Aber der Ausgangspunkt war ein und derselbe. Gleichgültig, ob der Mensch das Spiel richtig oder falsch spielt, wenn er sich der Gegenwart des Einen – der alles sieht – nicht bewusst ist, dann ist das Täuschung.

Dhani Dharam Das war ein Millionär und ein sehr gottesfürchtiger und from­mer Mann. Bevor er Kabir begegnete, war er sich nicht bewusst, dass er dennoch ein Unwissender war. Er sprach regelmäßig seine Gebete, fühlte aber nie die Ge­genwart des Allwissenden. Als Kabir seine Hingabe sah, materialisierte und manifestierte Er sich und befreite ihn im Nu von seiner Unwissenheit: Dharam Das war gerade beim Essen, als Kabir nach ihm fragte. Seine Frau ließ Ihn einfach warten. Nach einiger Zeit verlangte Kabir wiederum nach Dha­ram Das, aber dessen Frau begann Ihn zu beschimpfen und nannte Ihn einen Sünder. Da erwiderte Kabir: "Nicht ich bin ein Sünder, sondern du, weil in deinem Ofen lebendige Ameisen verbrannt werden." Nachdem Er das gesagt hatte, ver­schwand Er. Als Dharam Das und seine Frau in den Ofen schauten, sahen sie, dass in einem morschen Stück Holz viele Ameisen waren, die verbrannten. Dha­ram Das, dessen Unwissenheit durch Kabirs Gnade beseitigt worden war, war sehr traurig über die Tat seiner Frau und sagte zu ihr: "Eine große Seele ist an un­sere Tür gekommen, aber du hast den Göttlichen beleidigt und eine große Sünde begangen. Du hast dem alten Mann unrecht getan. Er war Gott. Wie können wir Ihn zurückholen? Er ist ärgerlich weggegangen, was soll nun aus dem einsamen Dharam Das werden? Er kann nicht ohne Seine Führung leben." Aufgrund ihrer Unwissenheit nahm sie es sehr leicht und sagte: "Ein so reicher Mann wie du kann jeden anlocken, denn dort wo Sirup ist, kommen viele Fliegen."

So veranstaltete Dharam Das an allen Pilgerorten Wohltätigkeitsfeste, in der Hoffnung, der Heilige, der sie besucht hatte, würde dorthin kommen. Eine große Anzahl von Weisen und Sehern kam von fern und nah, aber Kabir kam nicht. So gab Dharam Das mit wohltätigem Handeln seinen ganzen Reichtum aus, konnte aber Kabir, in dem er das Licht Gottes sah, nicht herbeiziehen. Er dachte bereits daran, sich in den Fluss zu stürzen und sein Leben zu beenden, denn sein Leben schien ihm nun nicht mehr lebenswert. Er hatte alles Geld gegeben und trotzdem sein ersehntes Ziel – Kabir zu treffen – nicht erlangt. Niemand schenkte ihm mehr seine Achtung und er fühlte sich in den Augen der anderen gedemütigt. Als er eben dabei war, sein Leben zu beenden, erschien Kabir und ergriff ihn am Arm. Dharam Das war überglücklich und wollte den Grund wissen, warum Er solange nicht gekommen war. Kabir antwortete: "Ich kam nicht früher, weil ich kein Ver­langen nach deinem Reichtum hatte. Dein Zustand war wie der eines Hundes, der im Spiegelkabinett sein eigenes Spiegelbild anbellt."

Wenn es Ihm gefällt, offenbart sich der Herr von selbst. Er kann nicht durch Reichtum, Geschrei und Kraft angelockt werden. Dhani Dharam Das, der durch die Gnade Kabirs mit dem seltenen rechten Verstehen über Kabirs Kompetenz gesegnet wurde, konnte nun selbst sehen, in welcher Täuschung er sich befun­den hatte. Später erkannte auch seine Frau ihre Unwissenheit.

Wo Unwissenheit ist, ist auch Bewusstsein, aber es ist verborgen. (Es wirkt nicht sofort.) Wo aber Bewusstsein ist, gibt es keine Unwissenheit, denn Bewusstsein vertreibt die Unwissenheit.

Allein die irdischen oder vergänglichen Angelegenheiten auszuführen, ohne die richtige innere Führung oder Verwirklichung zu haben, bedeutet, den wahren Wert des menschlichen Lebens zu verlieren. Nur wenige Menschen verstehen die Wirklichkeit sofort, andere weinen noch darum. Weise Menschen erklärten uns: "Wenn ihr keinen Lehrer findet, bittet die nächste Mauer darum." Das bedeu­tet: Der, Der alles sieht, Der in allem ist und Der unser Lehrer ist, ist Einer. Wenn wir Seine Hilfe brauchen, kommt Er uns mit Millionen von Schritten entgegen. Täuschung ist wie ein bewölkter Tag, an dem man die Sonne oder ihre Strahlen nicht sehen kann. Das Tageslicht ist da, obwohl die Sonne von der das Licht ausgeht – hinter den Wolken verborgen ist. Eure Aufmerksamkeit ist bei der Sonne.

In eurem Leben mag es viele Probleme geben, aber immer gibt es Hoffnung, wenn ihr euch Seiner Hilfe und Gegenwart bewusst seid.

Orte, die einst sehr heilig waren, jetzt aber ohne kompetenten Meister sind, wurden zum Bestandteil unseres Glaubens. Überall auf der Welt ist an solchen Plätzen Tanzen, Singen, äußere Riten und Rituale, Almosen geben und empfan­gen sehr beliebt geworden. Es ist gut hinzugehen, aber nur dann, wenn wir uns der tieferen Bedeutung und des Hintergrunds bewusst sind und wissen, warum wir hingehen und all diese Riten ausführen. Wenn wir das erkennen, werden wir ent­weder gar nicht mehr hingehen, oder nur als Betrachter und Berater. So gesehen blieben die Meister immer die besten Betrachter und Berater. In Wirklichkeit kön­nen Liedersingen und Tanzen nur ein Schrittstein zu Spiritualität sein, können aber nicht die gesamte Aufgabe erfüllen. Wenn wir unser ganzes Leben nur im­mer denselben Ton anschlagen und uns nicht weiterentwickeln, können wir kein guter Musiker sein. Während wir singen und tanzen ist unsere Aufmerksamkeit auf verschiedene Teile unseres Körpers konzentriert, um größeren Eindruck auf das Publikum zu erzielen. Doch unsere eigentliche Aufgabe ist, unser Gemüt, den Verstand und die Sinnesorgane völlig zu beruhigen, um uns selbst zu erkennen.

In Wirklichkeit wurden diese Plätze für die wahre Sache und zur Einkehr errich­tet. Werden dort politische Themen oder verschiedene familiäre Probleme disku­tiert, wird die wahre Sache und die Stille zerstört. So wurden das Singen von Lie­dern, das Tanzen und die Riten und Rituale – die die Gotteskraft erfreuen sollten – zu einer bloßen Tradition herabgewürdigt. Der Mensch von heute ist traditions­gebunden und nicht spirituell ausgerichtet. Er ist furchtbar fehlgeleitet und mit der Welt identifiziert. Er geht überall dorthin, wo er selbst mehr Anerkennung findet und wo ihm mehr Unterhaltung geboten wird. Der wahre Glaube schlummert noch in ihm, und er kann nicht zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen unterscheiden. Anerkennung, äußere Unterhaltung und große Erwartungen las­sen ihn mehr und mehr äußerlich glänzen, so wie ein Berg, der nach einem Re­genschauer noch intensiver gefärbt erscheint. Aufgrund von Unwissenheit führt der Mensch im allgemeinen diese Riten und Rituale ohne jede Scheu und Ach­tung aus. Je besser und genauer einer sie ausführt, desto angesehener und from­mer erscheint er in den Augen anderer. Das ist Unwissenheit.

Ohne die Hilfe eines kompetenten Meisters werden diese Dinge immer mächti­ger, und selbst wenn der Mensch sich noch so bemüht, kann er sie nicht aufge­ben. Solche Menschen predigen nur das, was sie selbst tun oder für richtig hal­ten. Sie sind wie Papageien, die in Tempeln wohnen.

Weil dem Menschen die rechte Führung fehlt und er den wahren Weg des Le­bens nicht kennt, hat er sich daran gewöhnt, äußere Riten und Rituale auszufüh­ren. Seine Hingabe und Demut ist nur äußerlich, selbst wenn er irgendeiner edlen Sache dient, dann tut er es mit Emotionen. Diese ausschließlich äußere Hingabe und Demut war der wesentliche Grund für den Rückschlag der Religionen. Am Anfang scheint alles sehr respektvoll und erhaben zu sein, aber letztlich dienen sie nicht der eigentlichen Sache. Nur unwissende Menschen handeln so und wer­den auch weiterhin so handeln. Die wahren Menschen erheben sich darüber, und manches Mal entkommen sie dem "Getriebe". All das andere geschieht durch Unwissenheit, denn an all diesen Plätzen fehlen wahre Menschen.

Wer wahre Hingabe und Demut entwickelt hat, bringt die Schwingung der Liebe und Stille mit sich und schafft eine ruhige Atmosphäre. Dort wird dem wahren Ziel Beachtung geschenkt und der rechten Sa­che ohne Emotionen gedient.

Zwischen einem bewussten und einem unwissenden Menschen besteht ein großer Unterschied. Ein bewusster Mensch entscheidet eine Sache sofort; sein Unterscheidungsvermögen ist sehr gut ausgeprägt, und was immer er sagt, be­ruht auf Wahrheit. In der Dunkelheit kann er (zum Beispiel) sofort zwischen einem Strick und einer Schlange unterscheiden. Der Unwissende dagegen kann nicht unterscheiden. Sein Unterscheidungssinn ist eingeschränkt und arbeitet nur mit Intellekt und Gemüt zusammen. Was immer er sagt, mag zwar auf Tatsachen be­ruhen, aber manchmal kann es durch Schlussfolgerungen, Emotionen und Gefüh­le gefärbt sein, die alle dem Irrtum unterliegen können. In der Dunkelheit kann er nicht genau zwischen Strick und Schlange unterscheiden.

Aufgrund der Unwissenheit wurde der Mensch zum Sklaven seiner Gefühle und bleibt darin völlig verstrickt. Das ist der Grund, warum der weltliche Mensch den wahren Zweck des menschlichen Lebens bis zu einem gewissen Ausmaß verstehen kann, aber nicht sofort darauf vertrauen kann. Er braucht immer die Hilfe eines Erwachten, der ihn nach und nach von seiner Unwissenheit befreit.

Wenn wir den schlechten Gefühlen der anderen zu viel Beachtung schenken, dann werden wir in der gleichen Weise betroffen sein, was ein Hindernis im Erlan­gen der höheren Werte des Lebens ist. Das ist Täuschung. Wenn wir hingegen unsere Aufmerksamkeit voll auf das richten, was wir tun, und wenn wir uns selbst genau beobachten, können wir viele Lektionen aus unserem eigenen Leben ler­nen. Das Leben ist wie eine Luftblase im Wasser, die in einem Augenblick zerplat­zen kann. Ein Meister sagt: "Es ist nicht zu eurem Nachteil, wenn ihr das Ziel eu­res Lebens jetzt bestimmt."

Der Mensch verliert seinen Glauben um der Welt willen, aber die Welt wird ihn nicht begleiten. Es ist eine große Täuschung. Der Mensch schneidet sich mit sei­nem Messer die eigene Kehle durch. Dieses Leben ist wie ein Traum oder ein Theaterstück, in dem nichts wahr ist. Alles ist vergänglich; einer nach dem ande­ren kommt und geht wieder. So ist in dieser Welt keine dauernde Freundschaft möglich, denn Begegnung und Trennung liegen hier innerhalb des karmischen Gesetzes.

Oh Mensch, wie kannst du glücklich sein in deinem blinden Stolz? Diese Welt ist ein Traum. Hier gibt es nichts, was dir gehört. Alles in der Welt ist trügerisch und kann von heute auf morgen zusammenbrechen.


Der Mensch ist von der Welt vollkommen in Anspruch genommen. Derjenige aber, der Ego, weltliche Liebe, Reichtum und alle Sünden aufgibt, dem Feind und Freund gleich lieb sind, der erhebt sich über die Täuschung und wird gesegnet mit göttlichem Wissen. Wenn der Mensch lernt, sich auch nur für einen Moment von der Welt zu lösen, dann kann er die Gegenwart Gottes in sich erfahren. Wenn man sich im Leben entscheidet, wird man frei von der Täuschung und fällt nicht mehr in sie zurück, so wie ein unberührtes Mädchen nach der Hochzeit keine Jungfrau mehr werden kann. Dann kennt man die Werte des Lebens und die Nachteile der Täuschung, die ein Hindernis sind.

Nur zwei Dinge sind real und wirklich in der Welt: der Tod und der Herr, der al­lem innewohnt, – alles andere ist unwirklich. Jene, die ihre Aufmerksamkeit auf diese beiden Dinge richten, werden ihr Ziel erkennen. Für sie gibt es weder Schmeichelei noch Kritik. (Sie urteilen nicht über andere.) Meister nimmt sie an der Hand und bringt sie sicher über den schrecklichen Ozean des Lebens.

Diese Welt ist wie eine riesige schmutzige Rauchwolke voller Stolz, Wünsche und Gier nach Reichtum. Ein Mensch, der den falschen Dingen nachjagt, ist er­bärmlich gebunden an Habsucht, Wünsche, Gier und Stolz, an all die Dinge, die er in einem Moment wieder verlieren kann. Die Welt ist wie ein langer Traum. Der Mensch wird in der Welt von seinen üblen Neigungen beherrscht. Ein Meister sagt: "Erwache, Oh Mensch! Nicht einmal das, was du mitgebracht hast, wird mit dir gehen. Jetzt hast du eine vorübergehende Verbindung zu Vater, Mutter, Sohn, Frau und Verwandten. Aber auch die, die dir sehr teuer sind, werden nicht bei dir bleiben, wenn du dich auf deine (letzte) Reise begibst. Sei dir sicher, dass die Welt für dich nur so lange besteht, solange du in ihr lebst."

"Erwache, warum schläfst du so unbekümmert? Erwache und erlange deine Gottheit zurück!"

Der Mensch ist wie ein zerbrochener Krug, aus dem das Wasser der Tugend und der Duft des Edlen verloren geht und in Schmutz und schlechten Geruch übergeht. Ein leeres Gefäß verursacht viel Lärm. Wer sich viel mit törichten Men­schen abgibt, häuft Sünden an. Kabir sagt: "Der Heilige gibt Seine Heiligkeit nicht auf, auch wenn er Millionen von Sündern begegnet." Auch ein Sandelbaum, um den sich Schlangen winden, verliert deswegen nicht seinen Duft und seine Kühle. Jeder Augenblick unseres Lebens verrinnt wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug. Die schwarzen Bienen sind weggeflogen und die weißen Reiher haben sich eingenistet. Der Mensch vertraut immer noch nicht auf die Wahrheit. "Oh Mensch, sei mutig und gestehe: Ich bin ein Dieb und kann kein Heiliger genannt werden." Suche Schutz zu den heiligen Füßen eines kompetenten Meisters. Ein ungebrannter Krug kann kein Wasser halten. Wenn die Seele den Körper verlässt, zerfällt der Körper (zu Staub). Dann werdet ihr am Gerichtshof (der Gerechtigkeit) vorgeladen. Ihr müsst auf der Stelle dort erscheinen, so wie ihr seid. Das alles ge­schieht aufgrund der Täuschung.

Das wahre Ziel des menschlichen Lebens ist, mit Gott in Verbindung zu kom­men, denn der Mensch ist das Höchste in der Schöpfung und dazu bestimmt, eins zu werden mit dem Göttlichen Willen. Nur unsere eigenen Taten werden dabei zum Hindernis. "Oh Mensch, denke daran, dass du von göttlicher Abstammung bist." Das ist so unabänderlich, wie Tinte nicht mehr vom Papier getrennt werden kann.

Aus Unwissenheit tragen die Yogis safrangelbe Kleider. Es liegt wie ein Schat­ten oder Trugbild über ihrem Leben. Ein Meister sagt: "Oh verrückter Mensch, Täuschung wird dich nirgendwo hinbringen. Verwünscht sei der Körper und seine Verhaftungen, verflucht sei die Weltlichkeit und doppelt verflucht sei das trickrei­che Gemüt mit seiner Listigkeit, womit es sich in uns festgesetzt hat."

Im heiligen Teich des Körpers blüht eine unvergleich­liche Lotosblume; dort wohnt der Wunderbare Formlose Eine. Nur durch die Anweisungen eines Meisters erwacht die Seele. Die reine Frau erkennt den Wert ihres Mannes. Sie verliert ihr Ego und erfreut sich seiner unbegrenzten Liebe und Glückseligkeit.

Durch Unwissenheit sind wir begrenzt und bemühen uns nur soweit, wie es un­serem Verlangen nach den Dingen, die uns wert erscheinen, entspricht. Man­chesmal opfern wir dafür Meister, Seine Mission und die Wahrheit und messen den höheren Werten des Lebens keine Bedeutung bei. Das ist Unwissenheit. Christus sagte, dass jene, die ihre Kinder, Brüder und Schwestern mehr lieben als Ihn, nicht Seine wahren Anhänger sind. Wenn wir unserer wahren Aufgabe nicht entsprechend mehr Bedeutung beimessen als all den uns viel wichtiger erscheinenden weltlichen Angelegenheiten, so sind wir unwissend. Wenn wir aufgrund von Ärger, Gier, Lust, Egoismus und Verhaftung Dinge hören, sprechen oder tun, oder andere kritisieren, so entstehen Rückwirkungen (die wir zu ertragen haben). Auch das ist Unwissenheit.

Gott schuf den Herrn der Schöpfung (Brahma – den Herrn der drei Welten), den Erhalter (Vishnu) und den Zerstörer (Shiva). Sie sind die Diener des menschli­chen Körpers und führen nur ihre (von Gott gegebenen) Pflichten aus. (Obwohl sie nur die Diener des menschlichen Körpers sind, verehren viele nur diese Kräfte und nicht den Vater selbst.) Da der Mensch von diesen drei Aspekten ganz in An­spruch genommen ist, brachte es in ihm Dualität hervor. Alle Taten, die diese drei Aspekte betreffen, liegen innerhalb der Dualität, und Dualität bedeutet Sünde. Wenn man Bücher liest, die sich auf diese drei Eigenschaften beziehen, bleibt man an die Sünde gebunden und kann Gott nicht erkennen. Das ist Täuschung. Die Menschen, die innerhalb der Dualität leben, sehen ihren Vater nicht, aber ihr Vater sieht sie. Das ist die größte Täuschung in der Welt.

Aus Unwissenheit begeht der Mensch von morgens bis abends immer wieder grobe Fehler und selbst im Schlaf ist er von den Rückwirkungen betroffen. Das al­les ist ein Spiel des Gemüts. Das Gemüt verursacht etwas im Äußeren und lässt dasselbe im Inneren sichtbar werden. Oder es zeigt etwas im Inneren und bringt es nach Außen. Aber bei wem geschieht das? Bei denen, die das Sprachrohr des Gemüts sind. Der Mensch vergeudet sein Wissen und seine Fähigkeiten. Guru Nanak sagt uns, dass er alle Kraft von Ihm (Gott) erhält. Er selbst hat keine Kraft zu sprechen oder zu schweigen, keine Kraft zu leben oder zu sterben.

Maya (oder Täuschung) ist die Tochter des Geizigen. Sie hat die Welt im Stich gelassen und schläft doch mit ihr. Sie ist überaus schön und lässt den Menschen sein ganzes Leben lang nicht mehr los. Wenn der Mensch den Körper verlässt, läuft sie mit bloßen Füßen schnell davon. Sie hat nur einen geheimen Pakt mit den fünf üblen Eigenschaften. Das ist große Täuschung.

So wie das Dach des Hauses nicht ohne Träger steht,
So wie Wasser ohne Gefäß nicht zu halten ist,
So wie ohne den pflügenden Bauern
das Land nicht bestellt werden kann,
So wie ohne Schnur die Perlen nicht
zu einer Kette aneinandergereiht werden können,
So wie es ohne Mutter und Vater kein Kind gibt,
So wie man ohne Wasser keine Kleider waschen kann,
So wie man ohne Musik nicht tanzen kann:
So ist der Schüler ohne Meister hilflos und entehrt.

Die Seele ist von göttlicher Abstammung und kann ohne die Gnade eines Heili­gen ihre Gottheit nicht wiedererlangen. Wenn wir den Zweck des menschlichen Lebens und die Kompetenz des Meisters kennen, wird uns die Täuschung sofort verlassen. Die Meisterkraft kommt mit voller Autorität in die Welt und hat für jedes unserer Probleme eine Lösung. Wenn wir den Zweck des menschlichen Lebens kennen, nicht aber die Kompetenz des Meisters, können wir die höheren Werte des Lebens während unseres vorübergehenden Aufenthalts in der Welt nicht er­langen. Das ist die größte Täuschung im Leben.