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Gott oder die Welt

Von Sant Kirpal Singh, aus dem Buch "Light of Kirpal", Kapitel 37

Frage: Meister, während der letzten Jahre hatte ich ein starkes Verlangen, Gott zu begegnen, aber vielleicht nur deshalb, weil ich nicht immer glücklich war, und das Leben sehr schwer für mich war. Nun ist das Leben in der Welt sehr angenehm für mich geworden, und mein Verlangen, Gott zu begegnen, hat ziemlich nachgelassen.

Sant Kirpal Singh: Weil du den äußeren Dingen nachgegangen bist.

Frage: Aber – wenn ich vielleicht wieder krank würde?

Sant Kirpal Singh: Schau, die äußeren Dinge sind zu deiner Hilfe da, nicht zu deinem Vergnügen. Mach den besten Gebrauch davon, das ist alles. Du hast angefangen, sie zu genießen, und so ändert sich natürlich die Neigung. Je mehr Verlangen du nach den weltlichen Dingen hast, desto geringer wird selbstverständlich die Sehnsucht nach dem Inneren. Der beste Leitsatz ist daher: »Gott zuerst und dann die Welt."

Frage: Ich habe kein Verlangen nach irgend etwas im Äußeren. Ich will nichts von der Welt.

Sant Kirpal Singh: Was du sagst, widerspricht sich selbst. Du sagtest doch, dass deine Sehnsucht nach Gott jetzt nachgelassen hat, nicht wahr? Habe ich das richtig verstanden? Zuvor war sie sehr stark. Der Grund ist ganz offensichtlich der, dass deine Neigung sich mehr in die weltliche Richtung verändert hat. Wenn alle Wünsche aufhören, dann ist es gut. Das tritt aber nur ein, wenn ihr mit der sich zum Ausdruck bringenden Gotteskraft in Verbindung kommt, vorher nicht. In den Upanishaden heißt es: "Welches ist die Erkenntnis, die alle Wünsche enden lässt?" Das erlangt man, wenn man zu dem Weg kommt, auf den ihr gestellt wurdet.

Vollkommenheit braucht Zeit. Die Zeit ist ein wichtiger Faktor. Macht regelmäßig weiter, und nach einiger Zeit werdet ihr feststellen, dass es aufwärts geht. Manches Mal kommt ihr ein wenig voran, dann fallt ihr wieder zurück, um dann wieder einen gewissen Fortschritt zu machen. Deshalb gibt es das 'Tagebuch. Führt euer Tagebuch sehr exakt, wie ein strenger Richter. Schont euch nicht! So, wie ihr die anderen kritisiert, müsst ihr euch selbst kritisieren. Wenn ihr so lebt, werdet ihr euch innerhalb von zwei oder drei Monaten mit Sicherheit ändern. Wir selbst schonen uns. Wir sehen zwar, dass mit uns etwas nicht in Ordnung ist, denken aber: "Sag es lieber nicht, wer weiß es schon?" Gott in euch jedoch weiß Bescheid. Ihn könnt ihr nicht täuschen. Deshalb sage ich immer zu euch: "Seid wahr zu euch selbst!" Gott ist in euch und ebenso die Meisterkraft. Ihn könnt ihr nicht betrügen. Seid ehrlich zu euch selbst! Ich sage nicht: "Seid ehrlich zu mir!" Die Gotteskraft ist bereits in euch. Sie könnt ihr nicht betrügen.

Warum verschwendet ihr die Zeit und verzettelt euch mit nutzlosen Beschäftigungen? Ihr seid nur zu einem Zweck hierher gekommen. Ich denke, dass ich euch genau das schon mehr als ein Dutzend Mal gesagt habe. Macht das Beste aus eurem Aufenthalt hier. Lasst es, an die Vergangenheit oder die Zukunft zu denken! Vergesst sie. Seid voll und ganz hier, lebt in der Gegenwart. Lebt im gegenwärtigen Augenblick. Wenn ihr das immer beibehaltet, wird es so weitergehen, bis zur Ewigkeit. Ein Kind lernt das Laufen auch nicht sofort beim ersten Mal. Es braucht am Anfang Hilfe. Dann möchte es alleine stehen können; es versucht es, fällt aber wieder hin. Dann hilft ihm die Mutter. Und nach einiger Zeit beginnt es dann zu laufen. Macht daher regelmäßig weiter. Gott zu begegnen ist nicht schwer, aber sich zu einem Menschen zu entwickeln, das ist schwer.

Ihr müsst aus euch selbst einen wirklichen Menschen machen. Gott ist auf der Suche nach solchen Menschen. Er sucht überall: "Gibt es einen wahren Menschen?" Kabir sagt: "Ich bin in meinem Innersten so rein geworden, dass Gott hinter mir herläuft und ruft: ´Oh Kabir, oh Kabir, wo bist du? Komm!`" Wenn ihr euch selbst reinigt, ist euch Gott sehr nahe, und der Meister läuft hinter euch her und ruft: "Warte, warte, warte!" Gesegnet sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

Wisst ihr, was Reinheit bedeutet? Reinheit des Herzens bedeutet, dass kein anderer Gedanke als der an Gott bestehen bleibt; dass gar kein anderer Gedanke in euch aufkommt. Gott ist überall, in jedem Herzen; wir schwimmen wie ein Fisch im Wasser des Lebens. Ihr mögt viel wissen, ihr könnt alle Bibliotheken und heiligen Schriften dieser Welt im Kopf haben – selbst das wird euch nichts nützen. Nur das wird euch helfen, was ihr tatsächlich zu einem Bestandteil eures Lebens gemacht habt.

Frage: Es scheint so zu sein, dass Menschen, die die Wahrheit erlangt haben, ein brennendes Verlangen fühlen, andere daran teilhaben zu lassen.

Sant Kirpal Singh: Warum ist das so? Gott hat sie einzig zu dem Zweck gesandt, all das an Seine Kinder zu verteilen. Erinnert ihr euch, als ich 1955 zum ersten Mal nach Amerika kam? Wie überall hielt ich auch dort die Vorträge kostenlos. Normalerweise waren dort, wo ich die Vorträge hielt, Sammelbüchsen angebracht oder Eintrittskarten verkauft worden. Ich erklärte ihnen, dass wir das nicht wollten. Am ersten Tag, als ich meine Rede hielt, stand ein Mann auf und fragte: "Wo ist der Sekretär?" – "Wozu brauchen sie den Sekretär?" Er gab zur Antwort: "Ich möchte fünftausend Dollar spenden." – "Wofür?" – "Sie haben eine wunderbare Rede gehalten." Ich erwiderte: "Das ist ein Geschenk der Natur, und wie alle Gaben der Natur ist es kostenlos." Oder müsst ihr für die Sonne und die Luft etwas bezahlen?

Als ich abfuhr, boten mir die Leute viel Geld an. Ich sagte ihnen, dass sie das Geld für die Mission hier spenden könnten. Sie hatten Tränen in ihren Augen, als sie zu mir sagten: "Es wäre besser gewesen, du hättest das Geld angenommen, denn so nimmst du unsere Herzen mit!" Das ist ein Geschenk für euch, das bereits in euch ist, das ihr kostenlos bekommen könnt. Wer hält euch davon ab?

"Gott ändert nicht das Leben eines Menschen, der sich nicht ändern will", heißt es im Koran. Wenn ihr nur eine kleine Anstrengung in dieser Richtung macht, wird Er euch zu Hilfe kommen. Wenn ein Kind stehen lernen möchte, dann eilt die Mutter herbei, um ihm zu helfen. Solange es aber daliegt und schläft, hilft sie ihm nicht auf, denn sie hat noch viele andere Kinder, nach denen sie zuerst sehen muss. Wir sind alle Kinder Gottes, und der Meister – Gott in Ihm – ist da, um euch zu helfen.

Frage: Die Gaben Gottes sind das Leben und der freie Wille.

Sant Kirpal Singh: Ja, davon spreche ich.

Frage: Ich denke, da der Mensch den freien Willen erhalten hat, sollte er ein Leben anstreben, das Gott Ehre macht, ein Leben, das für Gott annehmbar ist.

Sant Kirpal Singh: Das geschieht, wenn ein Mensch von allem anderen genug hat, wenn er die Sehnsucht nach dem Ewigen verspürt. Es ist der glücklichste Tag im Leben eines Menschen, wenn dieses Verlangen wach wird. Dann kommt von selbst die Hilfe: Wo Feuer brennt, kommt Sauerstoff zu Hilfe. Es hängt daher von eurer Entscheidung ab – entscheidet euch für den einen Weg oder den anderen.

Als ich die Schule verließ und meine Ausbildung beendet war, musste ich eine Entscheidung treffen. Welche? Zwei Dinge standen zu meiner Wahl – Gott oder die Welt. Ich brauchte sieben oder acht Tage, die ich nachts ganz alleine an einem einsamen Ort zubrachte, um darüber nachzudenken, was das Ziel meines Lebens sein sollte. Ich spreche zu euch über eine Frage, die sich mir im Jahre 1912 stellte. Und ich beschloss: Gott zuerst und dann die Welt! Als erstes kommt Gott und dann erst die Welt.

Wenn ihr also ein klar umrissenes Ziel vor euch habt und ihr macht auch nur einen Schritt darauf zu, seid ihr dem Ziel schon näher. Ihr jedoch seid einmal für Gott und einmal für die Welt. Plus und Minus heben sich gegenseitig auf; das macht alles wieder zunichte. Entscheidet daher endgültig, was das Ziel eures Lebens ist.

Frage: Die Entscheidung ist wichtig?

Sant Kirpal Singh: Sicher. Wir haben uns noch nicht entschieden, sondern schwanken hin und her, einmal hierhin, einmal dorthin. Das Gemüt tritt wie ein freundlicher Herr auf: "Schau her, das sind deine Pflichten, warum erfüllst du sie nicht?" Helft euren Kindern, das ist in Ordnung. Auch ich werde euren Kindern beistehen. Gott hat euch zusammengebracht. Warum sind sie und nicht andere mit euch in Verbindung gekommen? Die fließende Feder Gottes hat euch als Brüder und Schwestern, Frauen und Ehemänner vereint. Sorgt gut für sie. Gleicht das Geben und Nehmen aus. Und? Ihr habt das menschliche Leben erhalten, um Gott zu erkennen. Das ist unser höchstes Ziel. Sät keine weiteren Saaten mehr. Beendet alle (eure Angelegenheiten). Der Meister wird euch dabei helfen, das Geben und Nehmen zu beenden, das ist alles. Lebt einfach nach dem, was Er sagt.

Frage: Es scheint so einfach zu sein: Einfachheit führt zur Ewigkeit, Vielfältigkeit führt zu Verwirrung, weil man zu viele Dinge hat, die einen ablenken.

Sant Kirpal Singh: Einfache Nahrung, ein einfaches Leben, sind hilfreiche Faktoren.

Wali Ram war der höchste Minister von Akbar dem Großen, einem bedeutenden König von Indien. Eines Tages, als die Minister – wie es das Zeremoniell verlangte – unbeweglich dastanden, während der König zu seinem Thron schritt und Platz nahm, befand sich im Mantel, den Wali Ram über den Arm gelegt hielt, ein Skorpion. Wali Ram konnte sich nicht bewegen, ohne das Protokoll zu verletzen, und der Skorpion stach ihn hierhin und dorthin, stach ihn immer wieder. Wali Ram durfte sich nicht bewegen, weil das als respektlos gegolten hätte. Nachdem der König sich gesetzt hatte, sagte der Minister: "Seht her, aus Ehrfurcht vor dem König kümmerte ich mich nicht einmal um die Bisse des Skorpions." Dann warf er den Mantel weg und lief davon. "Gott sei Dank! Nun, oh Gott, werde ich Dir ergeben sein!" Akbar der Große sagte: "Er ist mein höchster Minister, ich verlasse mich auf ihn in allen Angelegenheiten. Warum ging er davon?" Und so schickte er einen Minister zu ihm und ließ ihn bitten zurückzukommen. Der Minister bat ihn eindringlich, Wali Ram aber war nicht zur Rückkehr zu bewegen: "Oh nein, ich war einmal sein Diener. Alles, was er wollte, habe ich getan. Nun bin ich ein Diener Gottes geworden." Dann kam der König selbst und bat: "Ach, Wali Ram, du bist mein höchster Minister. Du bist das große Rad meines Königreichs." – "Lieber König, ich war dir voll ergeben, solange ich am Hofe war; nun habe ich meine Hingabe ganz auf Gott gerichtet." – "Wie wirst du essen?" – "Ich habe Hände bekommen, um zu essen! Ich brauche keine Teller." (Gestern am Morgen – vielleicht seid ihr dabei gewesen – haben einige Leute Gemüse nicht von Tellern, sondern von Blättern gegessen). – "Nun, und was wirst du als Kissen haben?" fragte der König. "Meine Hände." Dann fragte der König: "Sag mir, was du dir wünschst." – "Nun, ich möchte, dass du mich alleine lässt!"

Ein einfaches Leben ist das Höchste. Wir verwenden Stunden dafür, um uns zurechtzumachen. Wir brauchen Stunden, um uns schön zu machen. Lasst den Körper ausruhen, schützt ihn vor Hitze und Kälte. Das ist gut und richtig. Gebt ihm Nahrung. Gönnt dem Körper Erholung, damit er gut arbeitet, aber man muss nicht vierundzwanzig Stunden lang arbeiten. Wenn ihr ein Pferd zuviel arbeiten lasst, wird es euch bald nicht mehr von Nutzen sein.

Frage: Es ist nicht gut, zu schwer zu arbeiten?

Sant Kirpal Singh: Nicht zu schwer, aber arbeitet so viel, wie der Körper verkraften kann. Manchmal müsst ihr für andere Opfer bringen, das ist etwas anderes. Da gilt das Gesetz des Opferns. Liebe kennt Dienen und Opfern. Gebt dem Körper die Ruhe, die er braucht, schützt ihn vor Hitze und Kälte, damit er in der Lage ist, eure Arbeit durchzuführen. Das ist alles. Aber all die Zeit, die ihr aufwendet, um euch schön zu machen, ist Zeitverschwendung. Haltet den Körper rein, das ist in Ordnung. Er ist der Tempel Gottes. Haltet ihn äußerlich rein, aber auch innerlich. Seht die Dinge in der rechten Perspektive, vom richtigen Blickwinkel aus.

Ein einfaches Leben und hohes Denken wirken sich sehr bald aus. Ein einfaches Leben und hohes Denken – das umfasst alles. Alles andere sind nur Nebensächlichkeiten. Das Wichtigste ist, mit Gott, der bereits in euch ist, in Verbindung zu kommen. Es besteht keine Notwendigkeit, irgendwohin zu gehen. Äußere Tempel sind nach dem Vorbild des menschlichen Körpers gebaut. Weshalb sollten wir den ursprünglichen Tempel verlassen, um in die von Menschenhand erbauten Tempel zu gehen? Gott wohnt in dem Tempel, den Er im Mutterleib geschaffen hat. Befindet sich denn etwa ein Mechanismus darin? Es ist Gottes Werk.