• English (United Kingdom)
  • Deutsch (DE-CH-AT)
  • Svenska (Sverige)
Gott wartet auf euch

Von Sant Kirpal Singh, Rajpur, India, 15. Januar 1971

Vielleicht habt ihr im "Jap Ji" gelesen, dass es zahllose Ebenen gibt; es gibt Himmel über Himmel, wenn ihr euch erhebt. Es gibt dort (im Jap Ji) Hinweise darauf, aber leider wissen die Menschen nicht, wie sie zu verstehen sind. Als Guru Nanak nach Persien kam, sagte er: "Es gibt (viele) Ebenen, es gibt Himmel über Himmel, ohne Ende." Jemand erzählte darauf einem mohammedanischen Heiligen, es sei ein Heiliger da, der behaupte, es gäbe Himmel über Himmel, ohne Zahl, während der Koran nur von sieben Himmeln spricht. Als dieser zu Guru Nanak kam, sagte Guru Nanak: "Wenn deine Schau bis zu diesen sieben Himmeln geht, nun gut, aber darüber gibt es weitere Bereiche, ihnen ist kein Ende gesetzt." Es gibt Hinweise darauf in den Schriften. Die Menschen hier lesen täglich das Jap Ji, aber sie wissen nicht, was es bedeutet. Die Bücher können nur Hinweise auf das geben, was ihre Verfasser gesehen haben. Guru Nanak sah, dass es Ebenen über Ebenen, Himmel über Himmel gibt und ihnen kein Ende gesetzt ist – sie können nicht gezählt werden. Gott ist grenzenlos. Wie kann man Seine Schöpfung, die ebenso unbegrenzt ist, in Zahlen fassen? Man erkennt die Schönheit dieses Verses aber nicht.

Die Menschen lesen, ohne zu verstehen, aber dieses oberflächliche Wissen ist, offen gesagt, Unwissenheit. Wir müssen diese Sprache benutzen; wir müssen auf der Ebene der Menschen in der Sprache sprechen, die sie verstehen, aber Worte sind unzureichend. Wie es im Jap Ji gesagt wird, gibt es also Ebenen über Ebenen und Himmel über Himmel, ihnen ist kein Ende gesetzt. Wie vermag man sie zu zählen? Und Gott, der sie erschuf, ist gleichfalls grenzenlos. Ich denke, das ist alles, was man darüber sagen kann. Erst wenn man Zugang dazu hat, kann man ihre Schönheit sehen.

Maulana Rumi, ein mohammedanischer Heiliger, sagte: "Ich habe das Wesentliche, das Leben, aus dem Koran genommen und es euch gegeben. Fleisch und Knochen habe ich den Hunden übrig gelassen, sie können sich darum streiten." Die Worte, die er gebraucht, sind sehr stark. Wörtlich sagt er: "Ich habe dem Koran das Gehirn entnommen und Fleisch und Knochen den Hunden gelassen, so dass sie darum kämpfen können." Die meisten hängen am Wortwörtlichen und sagen: "Dieses Wort kann nur auf diese Weise ausgesprochen (und aufgefasst) werden und jenes so." Sie streiten sich über unbedeutende Punkte und gelangen nicht zum Kern der Dinge. Deshalb sagt Maulana Rumi: "Ich habe aus dem Koran das Leben, das Eigentliche genommen, den eigentlichen Kern der Schriften." Er war Mohammedaner, wirklich ein sehr großer Heiliger.

Wir müssen es anderen mit Worten beschreiben, doch Worte können nur einen Hinweis darauf (auf diese Bereiche) geben. Wenn ihr mit dem Flugzeug fliegt, seht ihr verschiedene Wolkenschichten unter dem Flugzeug. Zuerst seht ihr (vielleicht) nur eine, dann weitere Schichten – wie Schleier. Wie kann nun jemand, der noch nie geflogen ist, diese Beschreibung verstehen, selbst wenn man sie in Bü-chern drucken würde? Die Essenz des Ganzen ist: Erkennt euch selbst, nicht auf der Ebene der Gefühle oder durch Schlussfolgerungen, sondern durch Selbstanalyse. Wenn ihr euch erhebt, wird sich euer Blickwinkel ändern. Dafür braucht ihr kein Gelehrter zu sein; ihr seht selbst. Ein Gebildeter wird euch viele verschiedene Beispiele geben, um etwas zu erklären, um das Wesentliche zu beschreiben. Ein Mensch ohne Bildung wird nur den Wortschatz gebrauchen, der ihm zur Verfügung steht. Ich habe euch etwas von Bulleh Shah erzählt, der zu seinem Meister Inayat Shah ging, der Gärtner war. Er war damit beschäftigt, Setzlinge umzupflanzen. Als Bulleh Shah ihn fragte: "Wie kann man Gott erreichen?" sagte Inayat Shah: "Oh, das ist eine einfache Arbeit; es ist, als ob man ein Pflänzchen hier herauszieht und an einem anderen Platz wieder einpflanzt." (Das bedeutet), die Aufmerksamkeit von der äußeren Welt zurückzuziehen. Es ist eine Frage der gesammelten Aufmerksamkeit, das ist alles. Wenn ich dich anschaue, dann lass mich nur dich anschauen und nicht einen anderen. Gott möchte nicht, dass ihr an jemand anderen denkt als an Ihn. Wenn ihr einen besonders guten Freund habt, dann möchte er natürlich, dass ihr an niemand anderen denkt als an ihn. Gott ist ganz allein. Er möchte, dass jeder ganz allein zu Ihm kommt und nicht einmal seinen Verstand, seine nach außen gerichteten Sinne, (Gedanken an) Kinder, Besitz oder Geld mitbringt. Er ist ganz allein.

Was ist die ganze Schöpfung? Sie ist wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt ist. Wenn Er sie wieder öffnet, beginnt eine neue Schöpfung. Doch ihr könnt diese Dinge nicht auf richtige Weise verstehen, wenn ihr sie nicht selbst seht. Gefühle, Emotionen und gedankliche Schlussfolgerungen unterliegen alle dem Irrtum. Sehen steht über allem. Jeder Mensch möchte natürlich zu seinem Ursprung, seiner Quelle zurückkehren. Wie ich euch gestern sagte, richtet sich die Flamme nach oben, wenn ihr eine Kerze anzündet. Selbst wenn ihr die Kerze mit dem Docht nach unten haltet, wird sich die Flamme nach oben richten. Ihr Ursprung ist die Sonne. Die Seele ist vom selben Wesen wie Gott. Sie wird sich, wenn sie einmal losgelöst, von allem Äußeren abgeschnitten ist, nach oben erheben. Gefühle voller Sehnsucht zu haben ist schon richtig, aber solange ihr nicht wieder eins werdet . . . –  Die Trennung selber wird in euch das Fieber der Sehnsucht wecken. Jeder hat die natürliche Tendenz, zu seinem Ursprung zurückzukehren, das ist alles. Wir sind einfach durch äußere Dinge und die nach außen gerichteten Sinne gebunden, seien sie nun physisch, astral oder kausal. Das ist der Grund, warum es so wichtig ist, keine Bindungen zu haben. Wenn wir gebunden sind, können wir nicht gehen. Es ist, wie wenn Blumen auf eine Wand gemalt sind – sie lassen sich von der Wand nicht trennen. Wir denken so sehr an die weltlichen Dinge und sind so erfüllt von ihnen, dass wir uns von ihnen nicht trennen können.

So gibt euch der Meister also eine Erfahrung, wie man sich am ersten Tag über das Körperbewusstsein erhebt. Wenn ihr eure Aufmerksamkeit vollkommen vom Körper zurückzieht, ist das wahre Entsagung. Ich sage nicht, dass ihr Haus und Heim verlassen sollt, um in die Wildnis zu gehen. Verlasst den Körper! Das ist schwierig, alles andere zurückzulassen ist sehr einfach. Sich von all den Verhaftungen an die Welt zu lösen ist sehr einfach, aber das Gemüt zu kontrollieren und sich über das Körperbewusstsein zu erheben ist schwierig. Wie kann man sich erheben, solange das Gemüt nicht unter Kontrolle ist? Ihr seid an Händen und Füßen gefesselt. Früher gab es mit Wasserstoff gefüllte Ballons, die mit Seilen an der Erde vertäut wurden. Schnitt man die Seile durch, stieg der Ballon in die Luft. Damit kann man es vergleichen.

Wir sind nicht von dieser Welt, wir sind von einer anderen Welt, anderen Welten, möchte ich sagen. Wir stecken hier fest, gebunden an Händen und Füßen. Wir können die Welt, und was damit zusammenhängt, nicht verlassen. Der Meister fragt die Gelehrten: "Ihr habt doch soviel gelernt, könnt ihr euch mit all eurem Wissen über die Welt erheben?" Der Meister demonstriert euch also zu allererst, wie man sich bereits am ersten Tag (über den Körper) erhebt. Von dort beginnt das ABC, dann kommen noch Ebenen über Ebenen.

Von Zar Peter dem Großen wird berichtet, dass er nach Holland ging, um dort den Schiffsbau zu lernen. Ich konnte das Schiff, an dem er gearbeitet hatte, während meiner letzten Weltreise (1963/64) im Museum besichtigen. Er trug die Kleidung der Arbeiter, obwohl er der Zar war, und arbeitete wie die anderen Werftarbeiter. Dort waren auch Menschen, die aus Russland vertrieben worden waren. Er traf sie und fragte: "Meine Freunde, warum seid ihr hier? Warum geht ihr nicht nach Hause zurück?" – "Wir sind durch eine Anordnung des Zaren vertrieben worden, wir können nicht zurück." – "Nun gut, ich kenne den Zaren. Ich werde mich dafür einsetzen, dass er euch zurückkehren lässt." Einige glaubten ihm und sagten: "Er scheint sehr mächtig zu sein – es könnte schon sein, dass er mit dem Zaren bekannt ist." Die, die seine Worte ernst nahmen, schlossen sich ihm an, als er nach Russland zurückging. Als er Russland betrat, verbeugten sich die Menschen respektvoll vor ihm. Diejenigen, die ihm gefolgt waren, sagten: "Er scheint sehr einflussreich zu sein, denn jeder respektiert ihn." Als er dann in der Hauptstadt Moskau ankam, ging (er in den Palast) und nahm auf dem Thron Platz. Da sagten die Arbeiter untereinander: "Habe ich es nicht gesagt, dass er eine hohe Persönlichkeit ist?" Einem Meister zu folgen ist etwas Ähnliches.

Gott wartet jetzt auf euch - dieser Freund wartet beständig auf euch, kehrt so bald wie möglich zu Ihm zurück. Zahlt alle eure Schulden hier zurück, (beendet) euer Geben und Nehmen.

Die astralen Bereiche sind schöner als die physischen, die kausalen sind noch schöner, und noch viel schöner sind die Bereiche, die darüber liegen. Könntet ihr auch nur ein wenig davon erleben, würdet ihr keinen Augenblick mehr hier bleiben wollen. Seht, was für ein Opfer die Meister bringen! Der zehnte Guru sagte: "Ich wollte von dort nicht fort, aber mir wurde befohlen (in die Welt) zu kommen." Sie sind nur gekommen, um euch mit zurückzunehmen. Gott in ihnen, nicht der Menschensohn. Alles, was zu tun bleibt, ist, nach dem zu handeln und zu leben, was sie sagen. Selbst wenn ihr Millionen von Dollar besitzt, könnt ihr sie mitnehmen? Aber die Auswirkung davon, wie ihr das Geld verdient habt, wird euch begleiten. Wenn ihr andere bis auf das Blut ausgenutzt, wenn ihr euch die Rechte anderer angeeignet habt, werdet ihr das zurückzahlen müssen. Deshalb sage ich euch, dass ihr euch mit der Einstellung zur Meditation setzen sollt, ihr würdet sterben. Das wird euch helfen. Doch der Gedanke an den Tod kann euch nicht kommen, solange ihr so sehr von der Farbe der Welt durchdrungen seid, dass die andere Farbe nicht zum Vorschein kommen kann. Um das zu entwickeln, ist Einsamkeit notwendig. Wenn mich früher jemand nach der Büroarbeit besuchen wollte, musste er entweder zum Verbrennungsplatz oder zum Flussufer kommen. Am Verbrennungsplatz sah ich, wie die Körper gebracht wurden und wie sie dahingingen, und ich fragte mich: "Was ist denn der Sinn des Ganzen?"

Ihr habt es sehr gut, euch wird das Frühstück serviert, ihr braucht es nicht selbst zuzubereiten. Aber selbst dann sagen wir immer noch, dass wir keine Zeit für die Meditation haben, wir haben wichtigere Dinge zu erledigen. Ihr sagt: “Nun gut, wir werden es morgen machen." Ihr betrügt Ihn nur. Das Hinauszögern ist der Dieb der Zeit. "Ich werde es morgen tun; übermorgen." – "Wenn ich diese Arbeit erledigt habe, dann werde ich Zeit (für die Meditation) einsetzen." Angenommen ihr sterbt heute, wo steht ihr dann? Natürlich stirbt die Seele nicht, aber sie muss den Körper verlassen. Wenn ein Verfahren gegen euch läuft, und ein Haftbefehl wird ohne (eine mögliche) Kaution ausgestellt, könnt ihr euch noch so sehr an euer Haus klammern und nicht gehen wollen, sie werden euch dennoch abführen. Wenn ihr aber gelernt habt, den Körper zu verlassen, wo ist dann der Stachel des Todes? "Gut, komm, ich bin bereit." Schließlich muss doch jeder gehen. Wenn ihr Vorkehrungen getroffen habt, hier für immer zu leben, dann sagt es mir bitte auch. Habt ihr dafür besondere Vorsorge getroffen? Und dann? Jeder muss gehen. Ihr müsst lernen, wie man geht, so dass ihr in Frieden, mit Freuden und einem Lächeln gehen könnt.

Unser Meister pflegte zu sagen: "Wenn ihr sehen möchtet, wie der Meister wirkt, geht zu einem Initiierten zum Zeitpunkt des Todes. Fragt ihn, er wird euch etwas sagen."

Meine Frau ging am 3. April. Am 31. März sah sie den Meister im Innern. Sie sagte: "Ich werde am 2. April gehen." Darauf sagte ich zu ihr: "Geh nicht am zweiten, dann werden Tausende von Menschen zu den Feierlichkeiten (anlässlich des Todestages von Baba Sawan Singh) hier sein. Dies würde viel Durcheinander bringen." – "Gut, dann werde ich einen Tag später, am 3. oder 4. April, gehen." Am dritten fragte ich sie: "Bist du bereit?" Sie antwortete: "Ja". – "Gut, dann geh.” Sie lächelte und verließ den Körper.

Jeder muss also gehen. Wir sollten zumindest fröhlich gehen. Wie weit seid ihr im physischen Körper fortgeschritten? Ihr werdet sofort an den Platz gehen, der eurer Entwicklung im physischen Körper entspricht. Ihr könnt im physischen Körper schneller fortschreiten. Wenn ihr euch von allen Umhüllungen der verschiedenen Ebenen lösen konntet, werdet ihr direkt nach Hause gehen. Wozu man hier Monate braucht, dauert dort Jahre. Das ist sehr wichtig (zu wissen). Ich möchte euch noch einmal sagen, dass dies nicht in Büchern zu finden ist. Ihr müsst lernen, wie man den Körper verlässt. Gibt es daran irgendeinen Zweifel? Oder habt ihr vielleicht Vorbereitungen getroffen hierzubleiben? Ich denke nicht, dass das möglich ist. Es ist also das Allerwichtigste, das ihr lernen müsst – den Körper zu verlassen. Wenn ihr den Körper verlasst, wird die Verbindung zum Körper abgeschnitten.

Frage: Meister, bedeutet das, wenn man einmal im Leben (in der Meditation) eine höhere Ebene erreicht hat und später niemals mehr dorthin gelangt, dass man nach dem Tod in diese Ebene geht?

Sant Kirpal Singh: Nun, mein Freund, du kämpfst mit dem Intellekt. Wenn jemand Mitleid für euch hatte und euch mitgenommen hat, um euch die höchste Ebene zu zeigen, dann müsst ihr lernen, wie man selbst dorthin gelangt. Ein Kind möchte laufen, kann es jedoch nicht. So nimmt es der Vater auf den Arm und bringt es dorthin. Am nächsten Tag sagt er dann: "Gut, jetzt geh allein!” Versteht ihr? Die vordringlichste Aufgabe ist, offen gesagt, den Körper zu verlassen – das ist unsere persönliche Arbeit. Alle anderen Aufgaben sind zweitrangig. Zahlt die Schulden zurück und sät keine neuen Saaten. Wir werden es immer verschieben: "Das kann ich später tun, zuerst muss ich diese Arbeit (hier) erledigen”, oder: "Lass mich zuerst diese Arbeit zu Ende bringen und dann noch Dieses und Jenes.” Gott zuerst und dann die Welt! Das haben wir noch nicht entschieden. Wir müssen die Welt verlassen, wir müssen unser Geben und Nehmen beenden. Sät keine neuen Saaten, das ist alles. Beendet alles!

Ihr habt also sehr viel Nahrung erhalten, die zu verdauen ist. Ein spiritueller Mensch ist, wer im Geist lebt. Ein spiritueller Mensch ist, wer im Geist lebt. Eine ganz einfache Definition!