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Rechtes Verstehen

Auszug aus einem Vortrag von Sant Kirpal Singh, Englisches Sat Sandesh, Juni 1972

Ein Mensch kann von einem anderen Menschen lernen, je nachdem, über welches Wissen der andere verfügt. Zu­erst einmal sollten wir uns vor Augen halten, dass die ganze Welt dem Gemüt ausgeliefert ist. Das Gemüt wirkt in vier Phasen. Eine Phase ist die ge­sammelte Aufmerksamkeit, die zwei­te Phase ist das Ergebnis davon: Das Gemüt wird aktiv. In der dritten Pha­se unterscheidet man mit Hilfe des Ver­standes. Die vierte ist das Schlussfol­gern, nachdem man sich über etwas klar geworden ist, wodurch ein berau­schendes, intensives Gefühl der Freu­de aufkommt – der Stolz. Das ist also die Wirkungsweise der vier Phasen des Gemüts.

Was man gelernt hat, kann man ande­ren weitergeben. Wer den Weg des Schlussfolgerns gegangen ist, kann wie­derum andere lehren, was er durch lo­gisches Denken gelernt hat. Doch er kann anderen durch logisches Denken keine praktische Erfahrung vermitteln.

Ich war einmal bei einem Treffen in Kanpur, wo man Vorträge über die Gita hörte. Die geheime Lehre ist in den heiligen Schriften erwähnt, aber da kein verwirklichter Mensch da ist, wird ih­re Bedeutung nicht verstanden. Im vier­ten und sechsten Kapitel der Gita steht ganz klar geschrieben, dass man zu einem gottverwirklichten Menschen ge­hen und ihn mit aller Aufrichtigkeit um Antwort fragen muss. Weiterhin heißt es dort, man solle, wenn man mit den Antworten zufrieden ist, den An­weisungen dieses gottverwirklichten Menschen folgen und so werde man auch Verwirklichung erlangen. Im sie­benten, achten, neunten, zehnten und elften Kapitel wird noch deutlicher aus­geführt, dass man sich hinter die Au­gen erheben muss und so weiter. Das ist nun offensichtlich etwas, was man nur praktisch tun kann, und wenn die­se heilige Schrift nicht von jemandem erklärt wird, der dieses Wissen wirk­lich praktisch erfahren hat, wie soll man dann die genaue Bedeutung da­von verstehen?

In Kanpur erhob sich einer der Redner und sagte: "Brüder, macht euch bereit, denn jetzt werde ich euch Gott zeigen." Natürlich war jeder von dieser Aussa­ge sehr beeindruckt. Er hielt einen wun­derschönen Vortrag – wirklich aner­kennenswert. Er legte das Thema auf intellektuelle Art sehr schön dar und kam zu dem Schluss, dass es eine höhe­re Kraft gibt. Aber er hatte diese Kraft nicht gesehen und konnte sie anderen nicht zeigen.

Was ich damit sagen wollte ist, dass ein Mensch andere nur bis zu der Ebene führen kann, die er selber erreicht hat, und nicht darüber hinaus. Wie soll es möglich sein, dass jemand, der von Gemüt und Sinnen umgeben ist und von dieser Ebene aus spricht – so schön seine Worte auch sein mögen – sich selbst aber nicht über das Gemüt, den Verstand und die Sinne erhoben hat, andere darüber erheben kann?

Es ist sehr wichtig, diesen Punkt ernst­haft zu überdenken. Lesen, Schreiben und Denken sind die ersten Schritte auf dem Weg. Heilige Schriften zu le­sen ist keine Zeitverschwendung, denn sie beschreiben in Worten die Erfah­rungen, die die verwirklichten Seelen mit der Wahrheit gemacht haben. Ver­steht ihr? Hört auf die wahren Worte des Meisters. Er spricht von dem, was Er sieht. Die Meister sprechen von dem, was sie sehen. Als sie sahen, san­gen sie davon, und diese Lieder trugen Frucht.

Die in bloßen Gefühlen gefangen sind – "Gott existiert für immer, ich fühle, dass es so ist" oder ähnlich – be­schreiben Seine ewigseiende Natur mit gewandten Worten, aber nur auf der Gefühlsebene. Es ist wie bei der sprich­wörtlichen Gruppe von Blinden, die versuchten, einen Elefanten zu be­schreiben. Einer betastete das Bein des Elefanten und sagte: "Oh, er ist wie ei­ne Säule." Ein anderer befühlte das Ohr und sagte: "Brüder, er ist wie ein Fächer." Der nächste berührte den Bauch und erklärte, der Elefant sei wie ein Fass, und der letzte befühlte den Schwanz und bestand darauf, der Ele­fant sei wie ein Seil. Keiner dieser Blin­den hatte je einen Elefanten tatsäch­lich gesehen, und so war ihre Ein­schätzung unzutreffend, denn sie ver­ließen sich nur auf ihr Gefühl.

Die Menschen, die auf die Aussagen derer hören, die von ihren Gefühlen ausgehen, werden selber von Gefühlen geleitet und werden untereinander im­mer im Streit liegen, weil sie jeweils die Ansicht ihres Gurus vertreten. Wenn jemand einen Elefanten be­schreibt, den er mit offenen Augen ge­sehen hat, wird er sagen: "Seine Bei­ne sind wie Säulen, sein Bauch ist wie ein Fass, usw.." Er wird auf ganz klare und exakte Art alles zu einem ganzen Bild zusammensetzen. Es ist sehr wert­voll, diesen Punkt ganz genau zu ver­stehen: Ihr könnt nur bis zu dem Punkt geführt werden, den der erreicht hat, der euch führt, und wenn er ganz in seinen Gefühlen aufgeht, wird er das predigen, was seinem Gefühl nach rich­tig ist. Auf diese Weise kann man zu einer beliebigen Zahl von Auslegun­gen kommen, über deren Widersprüche die Menschen in Streit geraten.

Gott ist Einer – doch Seine Kraft wirkt auf verschiedene Arten. Einige vereh­ren Gott als Lord Shiva und andere als Lord Vishnu. Die Anhänger Shivas werden sagen: "Ich möchte Vishnus Antlitz nicht sehen", und die Anhän­ger Vishnus möchten Shiva nicht se­hen. Ach Brüder, es ist ein und diesel­be Kraft, die von derselben Quelle aus­geht und verschiedene Aufgaben er­füllt. Ein Mensch, dessen Auge für die Wahrheit geöffnet ist, sieht klar, dass es verschiedene Wirkungsweisen der­selben Gotteskraft sind. Der Strom, der vom Kraftwerk kommt, erzeugt an dem einen Ort die wärmende Wirkung des Feuers, an einem anderen die kühlen­de Wirkung des Eises. Wer ihn ver­wendet, um Wärme zu erzeugen, könn­te die Meinung vertreten, dass Elektri­zität nur Wärme hervorbringen kann, und wer in einer Kühlanlage arbeitet, könnte darauf bestehen, dass Elektrizi­tät nur zum Kühlen verwendet werden kann, doch der Experte vom Kraftwerk sieht (wie der Strom wirkt) und weiß, dass der elektrische Strom Verschiede­nes bewirken kann. Jeder spricht von seinem eigenen Wissensstand aus, ob dieses Wissen nun begrenzt oder um­fassend ist.

Man muss das Geheimnis des Lebens lösen, doch wer die Lösung nur ge­fühlsmäßig hat, wird einfach seine Ge­fühle beschreiben; und wer durch Schlussfolgern zu einem Ergebnis ge­kommen ist, wird einfach seine theo­retischen Schlussfolgerungen erklären. Und was ist mit dem, der den Weg der Emotionen gegangen ist? Er wird zu tanzen beginnen, denn er kann sich nur emotional ausdrücken. Und das kommt alles daher, dass keiner von ihnen ge­sehen hat - das ist der Grund, warum sich ihre Aussagen voneinander un­terscheiden, und es ist auch der Grund, warum ihre Aussagen nicht völlig kor­rekt sein können. So kann man ver­stehen, warum es immer so viele Kon­flikte auf dem Gebiet der Religion ge­geben hat. Die Veden sagen dazu: Die Wahrheit ist eine, aber die Menschen haben sie durch den Verstand ver­schieden interpretiert. Wir sollten uns immer diesen Punkt vor Augen halten: Hier geht es um etwas, was man nicht vollständig mit dem Verstand begrei­fen kann.

Und was sagt die Brihadaranyaka Upanishad? Sie sagt, dass es genauso un­möglich ist, Gott mit intellektuellen Begriffen zu beschreiben, wie zu ver­suchen, den Durst mit Wein zu stillen oder aus Sand Öl zu gewinnen. Zum selben Thema sagt Guru Nanak: Man kann Gott nicht durch Gedanken er­reichen, mögen es auch Millionen Ge­danken sein. Es ist nicht eine Sache des Denkens, wenn uns auch das Den­ken dem Ziel etwas näherbringen mag. Wie kann dieses Rätsel gelöst werden? Wenn die Sinne stillstehen, das Gemüt zur Ruhe kommt und der Verstand zum Schweigen gebracht ist, erkennt die Seele.

Ohne einen vollkommenen Meister gibt es kein richtiges Verstehen und des­halb auch keinen wirklichen Fortschritt.

Ohne richtiges Verstehen ist jeder vol­ler Stolz und behauptet: "Mein Weg ist der richtige" und versucht, ihn ande­ren aufzuzwingen. Warum gibt es all diese Konflikte und Meinungsver­schiedenheiten, wenn doch all die ver­schiedenen Aspekte denselben Ur­sprung haben? Selbst wenn es um die Lebensweise geht, sagen einige, das Leben als Familienvater sei das beste, andere, ein Leben als Einsiedler. Was ist nun besser? Die Meister sagen: Glück besteht weder darin, ein Fami­lienleben zuführen, noch darin, sein Zuhause zu verlassen. Glück liegt in dem Wissen, das wir beim Meister er­hielten. Wahres Glück zu finden, hängt nicht davon ab, ob man sich von der Welt zurückzieht oder nicht, es kann nur gefunden werden, wenn man zu den Füßen des Meisters mit der Wahr­heit in Verbindung kommt. Die Mei­ster sind diejenigen, die die Wahrheit gesehen haben – sind daher ihre Aus­sagen nicht zutreffender? Die heiligen Schriften enthalten die Worte derer, die richtiges Verstehen hatten – sie sahen und gaben ihr Wissen weiter.

Was ist nun richtiges Verstehen? In we­nigen Worten: Es gibt jemanden, der uns das Leben geschenkt hat (Vater und Mutter), doch Brüder, es muss je­manden geben, der für die Entstehung allen Lebens verantwortlich ist und dem alles seine Geburt verdankt. Das ist eine logische Schlussfolgerung des Verstandes, nicht wahr? Alle verehren den, der alles geschaffen hat, in der ei­nen oder anderen Form, ob man Ihn nun Ram, Allah oder Gott nennt. Nun sind Ram, Allah und Gott nicht ver­schiedene Wesen. Der Schöpfer der ganzen Schöpfung ist Einer, doch Ihm wurden von den Rishis, Munis und Ma­hatmas verschiedene Namen gegeben. In Wahrheit hat Er keinen Namen. Ver­neigt euch vor dem Namenlosen. Doch die Meister gaben Gott Namen, um den Menschen zu helfen, an Ihn zu den­ken. Zum Beispiel nannte man Ihn Ram. Dieses Wort kommt von rum, was bedeutet "in der ganzen Schöp­fung widerhallend". Er wohnt allen Formen inne, und um dieses Wesen mit den vielen Namen zu erkennen, haben wir uns der einen oder anderen Reli­gion angeschlossen. Hunderte von Lie­benden, doch der Geliebte für alle ist einer. Religion und Kaste unterschei­den sich, doch alle haben dieselbe Auf­gabe. Diese Aussage ist wirklich die eigentliche Grundlage des richtigen Verstehens, und wenn sich richtiges Verstehen entwickelt, wo bleiben dann die Konflikte, wo bleiben die Mei­nungsverschiedenheiten?

Die Seele ist eine bewusste Wesenheit. Gott hat allen eine physische Form ge­geben, und der innere und äußere Auf­bau ist derselbe bei allen – selbst die äußere Erscheinung ist gleich. Diesel­ben Krankheiten befallen den mensch­lichen Körper. Und mehr noch – jede Seele steht unter dem Einfluss des Gemüts und der Sinne, die die Seele wiederum nach außen zu den weltli­chen Vergnügungen ziehen. Wer seine Seele vom Gemüt trennt und das Gemüt von den Sinnen und die Sinne von den Vergnügungen, erlangt wirk­lich das richtige Verstehen. Er ist ein Ergebener des Einen Schöpfers, und wenn man bei einem solchen Erleuch­teten, einem Ergebenen Gottes sitzt, kann man auch dieses richtige Verste­hen bekommen. Weil es ihm fehlt, bleibt der Mensch in der Welt gefan­gen. Alle Menschen, in allen Religio­nen, sind in diesem Zustand gegangen, und wenn ihr euch aus dieser traurigen Lage befreien wollt, müsst ihr dahin kommen: Wenn die Sinne stillstehen, das Gemüt zur Ruhe kommt und der Verstand zum Schweigen gebracht ist, erkennt die Seele.

Ihr könnt sehen, dass selbst das Heil­mittel für das Leiden der Menschen ein und dasselbe für alle ist. Geht zu je­mandem, der sein Gemüt und seine Sinne zur Ruhe gebracht hat. Wenn ihr zu jemandem geht, der intellektuell ge­schult ist, werdet ihr einen geschliffe­nen Vortrag hören und vielleicht fünf oder zehn verschiedene Auslegungen zu einem Punkt, die alle auf logischen Schlussfolgerungen aufgebaut sind, doch gesehen hat er das, wovon er spricht, nicht – und was noch wichti­ger ist, er kann es euch nicht zeigen. Swami Ji Maharaj sagt: Wenn ihr euch von der Welt befreien wollt, befolgt die Anweisungen eines wahren Meisters.

Als ich im Westen über diese Dinge sprach, wurde ich gefragt: "Ihr habt die Wahrheit in sehr einfachen und kla­ren Worten beschrieben. Warum war es bis jetzt so schwer, das zu verste­hen?" Ich erklärte ihnen, dass die, die ihnen die Wahrheit beschrieben hat­ten, keine eigene Erfahrung davon hat­ten und einfach nur ihre Vorstellungen auf der Verstandesebene darlegen konn­ten. Die Wahrheit wurde so oft und auf so viele verschiedene Arten beschrie­ben, dass das, was ursprünglich von ihr bekannt war, vergessen wurde. Kein Wunder, dass jetzt die vielen verschie­denen Theorien für die Menschen so schwer zu verstehen sind. Die kein Wis­sen aus erster Hand haben, reden nur in leeren Worten. Jemand, der auch nur ein wenig Unterscheidungskraft hat, wird den Unterschied zwischen den Worten eines Meisters und denen ei­nes gewöhnlichen Menschen erken­nen.

Der Gurbani nennt das die unreifen Worte weltlicher Menschen im Unter­schied zu den ausgereiften Worten der spirituell Erleuchteten. Die Worte, die von den spirituell Erleuchteten ge­sprochen werden, kommen direkt von einer höheren Kraft. Alles, was ge­sprochen wird, ist letztlich von einer Kraft abhängig – doch es gibt zwei Ar­ten von Ton: Der eine ist verborgen und der andere offenbar. Der verbor­gene Ton erhält alles – seit wann? Die­ser Ton begann jenseits der vier Zeitalter. In ihm vibriert die Wahrheit. Der Ton, der außen hörbar wird, wird von den Pranas, den sogenannten Lebens­strömen, erhalten, doch der verborge­ne Ton besteht aus sich selbst, ihn ver­ehren wir alle.

Was sollte man tun, um richtiges Ver­stehen zu erlangen? Erlebt die Schön­heit des Satsangs – der Gemeinschaft mit jemandem, der das Ebenbild der Wahrheit ist. Satsang ist nicht die Ge­meinschaft mit Intellektuellen, Red­nern, Heuchlern, Propagandisten oder bezahlten Predigern.

Um das Rätsel des Lebens zu lösen, raten uns alle Meister, zuerst einmal richtiges Verstehen zu entwickeln: Tatsächlich zu verstehen, dass wir die Seele im Körper sind, die verkörperte Seele, ganz gleich, ob wir Hindus, Moslems oder Christen sind oder ir­gendeiner anderen Religion angehören. Erkennt, dass alle Menschen zur selben Kaste gehören. Es gibt keinen Unter­schied zwischen jemandem, der in der Stadt und jemandem, der in der Wild­nis wohnt, denn alle Menschen sind wirklich verkörperte Seelen, und alle werden von derselben Kraft erhalten, der Kraft, die die Seele im Körper kon­trolliert. Bedenkt, es gibt neun Öff­nungen im Körper, doch die Seele kann ihn durch keine von ihnen verlassen. Erst wenn der Erhalter oder der, der die Seele im Körper kontrolliert, sich zurückzieht, verlässt auch die Seele den Körper. Der Atem verlässt den Körper; er könnte draußen bleiben, doch es gibt etwas, das ihn kontrolliert, etwas, das ihn in den Körper zurückzieht. Das ist das Geheimnis des Lebens, und wenn man es löst, erlangt man richtiges Ver­stehen. Ohne richtiges Verstehen er­reicht man nichts, was der Mühe wert ist, doch mit richtigem Verstehen wer­det ihr richtige Gedanken haben, und aus richtigen Gedanken ergeben sich richtige Worte und richtige Taten. Von da an entwickelt sich die Liebe für die ganze Menschheit von selbst. Dann er­hebt sich die Frage gar nicht, ob man mit anderen über unbedeutende Un­terschiede streiten soll. Man bringt das zum Ausdruck, was man gesehen hat, und nicht das, was man sich nur ge­dacht hat.

Es ist ein großer Segen, ein menschli­ches Leben erhalten zu haben, und das Ziel des menschlichen Lebens ist, sein Geheimnis zu lösen. Wenn ihr jetzt das Gemüt, den Verstand und die Sinne noch nicht zur Ruhe bringen könnt, dann bleibt in der Gemeinschaft von jemandem, der es kann. Wo der Satguru ist, ist man in Gemeinschaft mit der Wahrheit. Satsang ist nicht der Ort, wo man sich Geschichten über die Ver­gangenheit und die Zukunft anhört, da­mit sich jemand seinen Lebensunter­halt damit verdienen kann. Wo sogar die Schriften unter tausenderlei ver­schiedenen Betrachtungsweisen erklärt werden, kann sich richtiges Verstehen nicht entwickeln. Bitte entschuldigt, aber das Ausmaß des Predigens hat in diesem Zeitalter den Gipfel erreicht – ich glaube nicht, dass es jemals zuvor so überhand genommen hatte. Und das Ergebnis von all dem ist, dass wir die anderen hassen. Die Schritte, die wir machten, führten in die falsche Rich­tung, und dennoch machen wir immer noch so weiter. Was ist also das Heil­mittel? Wie ich schon sagte: Bei je­mandem zu sein, der richtiges Verste­hen hat.

Wir nehmen jetzt eine Hymne von Guru Nanak Sahib:

Wenn ihr einem wahren Satguru be­gegnet, erhaltet ihr das Juwel des rich­tigen Verstehens.

Der Satguru ist die Verkörperung der Wahrheit. Er wurde zum wahren Wis­sen und sieht, dass Gott der Handeln­de ist und in der ganzen Schöpfung wirkt. Wisst, dass ein Satguru jemand ist, der alle vereint. Damit ist nicht ein Guru einer bestimmten Sekte gemeint, sondern der Meister der ganzen Welt, der ganzen Menschheit. Ein solcher Guru sieht nicht auf eure Religion, son­dern sieht euch - dass ihr eine Seele im menschlichen Körper seid. Er hat sich selbst von allen Fesseln befreit und kann auch andere befreien. Die Fra­gen, wie man die Sinne von den At­traktionen der äußeren Welt zurück­ziehen kann, wie das Gemüt von den Sinnen frei werden und die Seele vom Gemüt getrennt werden kann, sind al­le Teil der praktischen Wissenschaft, in der der Satguru ein kompetenter Ex­perte ist. Er kann dem Sucher eine wis­senschaftliche Erfahrung geben, so dass dieser wiederum lernt, unter der Führung und Anweisung des Satguru die tägliche Erfahrung durch regel­mäßige Übung zu erweitern. Mit einer solchen Methode kann der Schüler ge­nauso ein Experte werden wie der Mei­ster.

Es gibt einen großen Unterschied zwi­schen einem Meister und dem Stein der Weisen. Der Stein der Weisen verwan­delt Eisen in Gold, doch der Meister macht uns ihm selbst gleich. Der Stein der Weisen kann keinen zweiten Stein der Weisen hervorbringen, doch der Meister kann die Seelen zu verwirk­lichten Seelen machen. Das ist der Grund, warum alle Meister betonen, dass Spiritualität etwas anderes ist als Lesen, Schreiben und Denken. Den­ken ist eine Hilfe, und Denken ist ein Hindernis. Wenn ihr über den Schrif­ten sitzt und euch auf der Ebene des Verstandes Gedanken macht, ist das immerhin ein erster Schritt, den ihr mit der Hilfe der Worte der Meister macht, die in den heiligen Schriften zu finden sind. Doch all das nützt euch überhaupt nichts, wenn es praktisch darum geht, die Sinne von den Sinnesobjekten zurückzuziehen und sich vom Gemüt zu lösen. Dazu muss man ein höheres Glück kosten, wozu das Gemüt bis jetzt nie die Möglichkeit hatte. Es ist alles eine Sache der Praxis, und der, der das Ganze praktisch verwirklicht hat, kann euch das geheime Wissen davon wei­tergeben. Man sollte seine Gemein­schaft suchen.

Als ich auf der Suche nach der Wahr­heit war, war das eine sehr intensive Suche, kann ich euch sagen. Ich fing abends an, ein Buch zu lesen, und las die ganze Nacht hindurch ohne auf­zuhören, aber nur um morgens aufzu­stehen und dennoch keinen Ausweg entdeckt zu haben. Die Bücher ent­hielten sehr gute Gedanken, erfrischend wie grünende Obsthaine. Das Herz be­ginnt so, nach den Dingen zu verlan­gen, die in den Büchern beschrieben sind. Doch wie kann man sie bekom­men? Die Bücher sagen: "Gott ist über all – kein Ort ist ohne Ihn. Er offen­bart sich überall." Doch wie kann man Ihn sehen? Das ist die brennende Fra­ge, nicht wahr? Ich kann nur wieder­holen, dass es eine Sache der Praxis ist. In diesem Zusammenhang sagt Bulleh Shah: Warum diesen Stapel Bücher le­sen und den Kopf mit all diesen Ge­danken belasten? Lass die Worte, lass das Abwägen, gib all diese atheisti­schen Methoden auf!

Stimmt es nicht, dass man durch zu viel Lesen nur immer mehr durcheinander kommt, weil man das Gehirn für nichts und wieder nichts ermüdet? Bücher­wissen ist wie eine Wildnis, durch die man nicht hindurchkommt. Die Liebe zu dem Einen sollte im Herzen sein, das ist alles. Ist das nicht der Sinn hin­ter allem Schriftenlesen – Gott zu lie­ben? Tulsi Sahib sagt: Lesend und le­send starb die ganze Welt, niemand wurde ein Lehrer. Wenn du bei dem Wort 'Liebe' verweilst und sie in dir entwickelst, wirst du ein wirklicher Pandit (Lehrer).

Das Lesen sollte dazu führen, sich dem Herrn hinzugeben und alle Wesen zu lieben, da der Herr in allen ist. Die Menschen tun das nicht. Sie halten nur Vorträge, doch entwickeln sie keine Liebe in sich.

Alle Konflikte in der Welt bestehen, weil es an Liebe fehlt, und alle Kon­flikte werden durch diejenigen verur­sacht, die die Wahrheit nicht verwirk­licht haben, sondern es vorzogen, durch Lernen zu Macht zu kommen. Sie sind verantwortlich für die Konflikte und Auseinandersetzungen, unter denen die Menschheit leidet. Hätten sie die Wahr­heit erkannt, hätten sie von ihr ge­sprochen. Doch statt dessen sagen sie: "Nein, nur unsere Religion ist die rich­tige." Auf diese Weise brachten sie ei­ne Religion gegen die andere auf, schürten die Kontroversen und saßen dann da und sahen zu, wie Menschen ihr Blut für diese sinnlose Sache ver­gossen. Ein klares Beispiel dafür ist die Trennung von Indien und Pakistan, die durch solche Umstände zustande kam, und diejenigen, die sie verursacht hatten, sahen zu, wie an die 1.500.000 Menschen sinnlos abgeschlachtet wur­den. Hätten sie auch nur ein wenig rich­tiges Verstehen gehabt, hätte sich die­se Tragödie nie ereignet.

Vor einigen Jahren, als Hazur noch leb­te, gab es in Multan (im heutigen Pa­kistan) Unruhen zwischen Hindus und Moslems. Baba Sawan Singh Ji Maharaj fuhr dort hin und hielt einen Sat­sang, und die Leute, die ihn hörten, sagten: "Wärt Ihr nur früher gekom­men, hätte es diese Unruhen gar nicht gegeben." Meister kommen in die Welt, um Brüder und Schwestern miteinan­der zu verbinden, nicht um sie ausein­ander zu reißen. Und sie kommen, um die Seelen wieder mit Gott zu verbin­den – das ist das Werk der Meister. Sie sagen: "Liebt!" In der Liebe ist Ein­heit, Einssein – nicht Trennung.

Naam ist der Erhalter von Khand und Brahmand. Dieses Naam zu verwirk­lichen bedeutet richtiges Verstehen. Das einzig Wahre, das einzig Reine ist Naam. Tulsi Sahib sagt: Sie singen die vier Veden, achtzehn Puranas, neun Viakranas und sechs Shastras, doch verlieren die Wahrheit, die in ihnen be­schrieben wird. Das trifft für die An­hänger aller Religionen zu. Sie lesen die heiligen Schriften wie Papageien, ohne die eigentliche Bedeutung zu ver­stehen. Und nicht nur, dass die Wahr­heit beim Lesen verloren ging, er sagt weiter: Ohne Surat Shabd (die Verbindung der Aufmerksamkeit (Surat) mit dem inneren Ton – Shabd oder das Wort) zu kennen, ist man wie der Chandool Vogel, man kann alle Worte nachahmen, ohne ih­re Bedeutung zu kennen.

Welchen Wert hat Bücherwissen, wenn die Aufmerksamkeit oder Seele nicht mit Gott oder der Überseele in Ver­bindung kommt und eine Gefangene bleibt, umgeben von Gemüt und Sin­nen, von denen sie sich nicht trennen kann? Tulsi Das vergleicht es mit dem Chandool Vogel, der jeden Ton, den er hört, nachahmt.

Das heißt nun nicht, dass man nie schreiben oder denken sollte, aber das allein hat keinen Wert. Das eigentliche Ziel hinter dem Lesen der Schriften – wenn man wirklich versteht, was man liest – liegt darin, eine praktische Er­fahrung zu erhalten. Seit die Welt be­steht, hat der Jiva die Bücher nicht bei­seite gelassen und erlangte kein wah­res Glück. Was für eine klare Aussa­ge. Wir können die heiligen Bücher und Schriften einfach nicht loslassen. Sicher, äußeres Wissen ist wie eine Blumengirlande, die einen verwirk­lichten Menschen schmückt. Er wird den Pfad der Wahrheit auf vielerlei Ar­ten erklären und dadurch den ver­schiedenen Suchern helfen zu verste­hen. Doch eine verwirklichte Seele ist eine verwirklichte Seele, mit oder oh­ne weltlichen Titel, und was Er auch sagt, ist voller Bedeutung, erfüllt von unbegrenzter Liebe und Wahrheit. Sheikh Saadi sagt, wenn ein gelehrter Mann nicht die Verwirklichung erlangt habe, seien Lesen und Schreiben wie eine Eselslast auf seinem Kopf. Zu die­sem Thema sagt Guru Amar Das Ji, es sei, als bereite man eine Süßspeise oh­ne Zucker zu – wird sie süß schmecken, selbst wenn man sie von morgens bis abends mit dem Löffel rührt? So er­klärt Guru Nanak die Wichtigkeit des richtigen Verstehens:

Wenn ihr dem wahren Satguru begeg­net, erlangt ihr das Juwel des wahren Wissens.
Gebt ihr das Gemüt eurem Guru, er­haltet ihr unvergängliche Liebe.

Richtiges Verstehen kommt erst, wenn die Seele sich über das Gemüt erhebt. Denkt einfach sorgfältig darüber nach: Ihr seid auf der Ebene des Gemüts und habt bis jetzt das Geheimnis noch nicht gelöst. Wenn ihr auf dieser Ebene bleibt, wie wollt ihr volles Verstehen erlangen? Wenn ihr zu einer verwirk­lichten Seele geht, um richtiges Ver­stehen zu erhalten, dann geht in aller Demut und lasst eure persönlichen An­sichten beiseite. Ihr wisst, was ihr wisst. Wenn ihr bei Ihm seid, versucht zu ver­stehen, was Er sagt. Bedenkt, von wel­cher Ebene aus Er spricht, und ver­gleicht es dann mit dem, was ihr wisst. Viele zögern, zu Ihm zu gehen, weil sie stolz auf ihr Wissen sind. Jemand, der eine hohe weltliche Position hat, wird nicht zu Ihm gehen, weil er von seiner eigenen Macht berauscht ist. Ein Reicher wird nicht zu Ihm kommen, weil er stolz auf seinen Reichtum ist. Bedenkt, dass ein gottverwirklichter Mensch nicht mit Geld gekauft, nicht durch Macht beeindruckt und nicht mit Gewalt gedrängt werden kann.

Wenn ihr zu Ihm geht, lasst eure eige­nen Ansichten beiseite – schließlich kann sie euch niemand rauben. Wir machen den Fehler, das, was Er sagt, nach dem einzuschätzen, was wir be­reits wissen: "Das haben wir schon gehört." – "Das sagt der und der auch." usw.. Brüder, Er wird all das sagen und noch mehr, denn Er muss mit den Men­schen auf ihrer Ebene sprechen, damit sie umfassend verstehen, und so wird Er viele Wahrheiten zitieren, die an­dere gesagt haben, damit der Sucher seinen Weg leichter findet. Doch die Tatsache bleibt, dass der Sucher seinen Verstand für eine Weile zur Ruhe brin­gen und in aller Demut zuhören muss, wenn er etwas erhalten möchte. Nur wenn das Gefäß unter den Wasserhahn gehalten wird, wird es gefüllt. Doch wie kann es gefüllt werden, wenn man es über den Wasserhahn hält? Deshalb heißt es: Wenn das Gemüt dem Satgu­ru übergeben wird, wird die Arbeit des Schülers mit Erfolg gekrönt.

Als Ashtavakra König Janaka das (in­nere) Wissen gab – wisst ihr, was er von ihm dafür verlangte? Er verlangte vom König Körper, Reichtum und Gemüt. Das Gemüt ist mit dem Erhalt von Kör­per und Reichtum beschäftigt, und wo­hin das Gemüt geht, geht alles andere auch. Guru Nanak sagt uns, dass man ewige Liebe erhält, wenn man sein Gemüt dem Meister gibt.

Swami Ji Maharaj sagt: "Oh Wissen­schaft, wie unwissend du bist, du kennst den Wert eines Meisters nicht."

Die Meister sind ein wogendes Meer der Liebe: Sie lieben Gott, und Sie lie­ben die Menschen. Doch der Mensch beurteilt den Meister mit seinem Ver­stand – eine Unmöglichkeit – denn Sie sind erfüllt vom Nektar der Liebe, in Ihrer Gegenwart wird man von Sehn­sucht nach Gott überwältigt, Sehnsucht nach einem überfließenden Gefäß der Liebe zu Gott und zur Menschheit. Lasst euren Verstand beiseite und werdet empfänglich, dann werdet ihr sehen.

Einmal in Berlin (Deutschland) bat das Publikum mitten im Vortrag, der aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde, der Übersetzer solle aufhören, weil keine Übersetzung notwendig sei – "Wir verstehen mehr durch Seine Au­gen." Die Augen sind die Fenster der Seele; durch sie erhält man Berau­schung und versteht die tiefe Bedeu­tung der Worte.

Sein Gemüt aufzugeben bedeutet nicht, die Vernunft oder den Verstand aufzu­geben. Es bedeutet vor allem, das Gemüt vollständig zur Ruhe zu brin­gen und zu erfassen, was der Meister sagt. Wenn ihr das Ego beiseite lasst, werdet ihr die eigentliche Bedeutung verstehen und dadurch empfänglich werden, die unaufhörliche Schwin­gung der Kraft des Meisters in euch aufzunehmen. Kabir Sahib hat uns ge­warnt, was geschehen kann: Der Kör­per sitzt beim Meister, und das Gemüt ist woanders. Kabir sagt: Wie kann man ein ungebleichtes Tuch färben? Swa­mi Ji sagt: Macht Satsang, indem ihr empfänglich seid.

Es macht nichts, die Worte nicht zu verstehen, wenn man empfänglich ist, denn Seine Ausstrahlung wird euch Berauschung geben. Dieses kostbare Juwel des Verstehens, das ihr erhaltet, wenn ihr zum Satguru kommt, ist un­bezahlbar, unschätzbar wertvoll. Doch man erhält es nicht auf der Ebene des Gemüts. Das Gemüt muss für eine Wei­le zur Ruhe gebracht werden, dann wer­det ihr eine solche Liebe erhalten – Liebe, die wie ein wogender Ozean in euch aufsteigt. Euer ganzes Wesen wird von dieser Überfülle der Liebe erho­ben. Danach könnt ihr euer Gemüt zur Ruhe bringen, wann immer ihr wollt. Oh Gott, wie können wir die Gemein­schaft eines solchen Heiligen je ver­lassen, bei dessen Anblick das Gemüt ruhig wird? Man kann das als Beurteilungskriterium für einen Meister nehmen, denn ihr könnt dieses Ge­schenk nicht in der Gemeinschaft mit Intellektuellen erhalten. Die unendli­chen Wogen der Wahrheit strömen vom wahren Satguru aus, und diese Wogen berühren das Herz des aufrichtigen Wahrheitssuchers. Selbst Tausende von Meilen entfernt kann der Schüler das erhalten, wenn er seine Aufmerksam­keit darauf ausrichtet. Wenn das Ra­dio Übertragungen über Tausende von Meilen hinweg auffangen kann, war­um sollte es unserer Aufmerksamkeit (Surat) nicht möglich sein?

So ist also der Satguru die wesentliche Voraussetzung, um dieses Juwel des Wissens zu erlangen. Man erhält Be­rauschung von einer wahrhaft verwirk­lichten Seele, wenn man seine Auf­merksamkeit auf den Meister konzen­triert und dadurch empfänglich wird. Jemand, der stolz ist auf seine Bildung und seinen geschulten Verstand, mag den Meister bei irgendeiner Gelegen­heit sehen, aber er wird nichts davon haben. So verschieden ist es bei den Menschen. Denkt daran, das Gemüt ist Materie, es ist nicht bewusst. Außer­dem ist es von dem Schmutz vergan­gener Zeitalter bedeckt. Ein Magnet kann keine Wirkung auf schmutzige, lehmbeschmierte Eisenspäne haben, doch wenn sie sauber und frei von Er­de sind, reagieren sie augenblicklich auf den Magnetismus.

Der Meister kann mit einem sehr star­ken Magneten verglichen werden, und unsere Seele besteht aus derselben Sub­stanz, doch haftet an ihr der Schmutz der Erfahrungen aus unserer Vergan­genheit. Beseitigt den Schmutz, und die Seele wird ganz natürlich zu ihrer Quelle gezogen.

Probiert es aus: Sitzt bei einem Mei­ster, lasst euer Gemüt für eine Weile beiseite, und seht, wieviel Glück und Berauschung ihr erhaltet. In euch wird Liebe entstehen, ihr werdet vor Liebe überfließen, denn Gott ist Liebe, und die Seele ist Ihm wesensgleich – ein Tropfen aus diesem Meer der Liebe – obwohl sie sich im Augenblick auf tau­send attraktiven Betätigungsfeldern auf der Ebene des Gemüts und der Sinne weit zerstreut. Für kurze Zeit getrennt von all dem falschen äußeren Glanz und zentriert oder konzentriert, wird die Seele zu jener Liebe hingezogen, die aus der ewigen Quelle hervorbricht. Das ist ein Gesetz. Wir lesen die Wor­te der Meister, die kostbaren Edelstei­ne, die sie uns hinterlassen haben, doch nur selten verstehen wir ihre wahre Be­deutung.

So sagt Er uns:

Wenn ihr euer Gemüt eurem Meister gebt, erhaltet ihr unvergängliche Lie­be. Ihr erlangt das Geschenk der Er­lösung, das den Schmutz aller Sünden beseitigt.

Mit richtigem Verstehen wird das Gemüt durch den seelenvollen Blick des Meisters von diesem Zustand der Zerstreuung, an dem es leidet, geheilt.

Heißt es nicht in den Schriften, dass man Erlösung durch Naam oder das Wort erlangt? Was ist dieses Naam? Es ist Naam oder das Wort Gottes, das die ganze Schöpfung erhält. Und wann erhaltet ihr dieses Geschenk, das alle Unvollkommenheiten beseitigt? Wenn ihr in empfänglicher Haltung bei ei­nem Meister sitzt. Selbst wenn ihr Sei­ne Sprache nicht versteht, werdet ihr von der Ausstrahlung profitieren. Wenn ihr auch noch Seine Worte versteht, um so besser. Guru Arjan Sahib sagt: "Durch einen Darshan, bei dem der Schüler mit dem Blick des Meisters ver­schmilzt, sind alle Sünden zu Ende."

Vollkommen mit jemandem eins zu sein, völlig in ihm aufzugehen, ist et­was ganz anderes, als ihn nur zu se­hen. Es muss ein Verschmelzen sein: Zwei Herzen sollten eins werden, da­mit die Seele empfänglich wird. Chri­stus sagte: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben – nur die Meister kön­nen dies verstehen – wer in mir bleibt und ich in ihm, bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Das wird Gurubhakti genannt. Wenn ihr je­mandem wirklich ergeben seid, wer­det ihr ihm gehorchen.

Auch Christus sagte: "Liebt ihr mich, so haltet meine Gebote." Liebe spricht jeden Menschen an und findet ihre Er­widerung.

Die Meister sagen uns, was richtiges Verstehen bedeutet: Ihr seid nicht der Körper, ich bin nicht der Körper, ihr seid eine Seele, ich bin eine Seele. Gott erhält unser Leben, und meine Seele ist in Einklang mit Ihm; und durch Sei­ne Gnade werdet auch ihr wieder mit Ihm verbunden. Die Gotteskraft, die im Meister wirkt, fuhrt den Schüler be­ständig. Wenn ihr dieses Geschenk er­haltet, werden all eure Fehler und Unvollkommenheiten beseitigt. Unser größter Fehler ist, dass unsere Auf­merksamkeit zerstreut ist, verteilt auf so viele äußere Dinge. Das ist unser Hauptproblem. Doch wenn das Gemüt beginnt, von dem Nektar der höheren Berauschung zu kosten, warum sollte es sich dann wieder niederen Vergnü­gungen zuwenden?

Oh Bruder, ohne den Meister gibt es keine Erkenntnis.
Frage Brahma, Narad, Ved Vyas.

Im Srimad Bhagavat steht geschrieben, dass Brahma voller Sorge war, als er die vier Veden schuf. Wisst ihr warum? Weil Lesen, Schreiben, Lernen und sich das Alphabet anzueignen zur Ver­wirklichung der Wahrheit nicht not­wendig sind. Guru Nanak sagt: Geh' und frage Narad danach, und Sukhdev, den Sohn von Ved Vyas. Die Wahrheit kann ohne einen Guru nicht erkannt werden. Wenn das Gemüt zur Ruhe kommt, empfängt man Wellen der Aus­strahlung des Meisters, die allein schon vom menschlichen Pol ausgehen und eine gewaltige Ladung haben. Je nach­dem, wie empfänglich man ist, nimmt man diese geladenen Wellen entspre­chend der eigenen Empfänglichkeit auf. Gebildete und Ungebildete kön­nen beide empfänglich werden, doch solange das Gemüt nicht beiseite ge­lassen wird, gibt es keinen spirituellen Fortschritt. Guru Nanak sagt uns, dass wir zu einer Autorität auf diesem Ge­biet gehen sollten, um ihn zu fragen, und er wird uns sagen, dass man es oh­ne einen Meister nicht erlangen kann.

Guru Nanak sagt auch:

Ohne einen Satguru erlangte niemand Wissen vom Göttlichen, und wird es niemand je erlangen.
In der Konzentration auf das unbe­schreibliche Tonprinzip, Nad, liegt das Wissen.

Dieser Ton kann nicht mit Worten aus­gedrückt werden, doch ihm wurden verschiedene Namen gegeben - Udgit, Nad, Wort, Naam. Es zu erfahren ist wahres Wissen. Über die Größe des Meisters, der uns dieses Wissen zu­gänglich macht, sagt Paltu Sahib: Wer den Ton, der vom Gaggan (Sitz der See­le im Körper) kommt, hörbar macht, ist mein Gurudev. Wer es uns möglich macht, den Ton im Gaggan zu hören und uns damit verbindet, ist wirklich ein Meister. Er erhebt uns ein wenig nach oben und öffnet den Weg. Jenes große Licht Gottes führt unsere Auf­merksamkeit weg von den äußeren At­traktionen. Es ist eine kleine Erfahrung von Gott. Mein Guru gibt mir das Licht von Gottes Naam. Im Gayatri Mantra wird dasselbe erwähnt: "Oh Gott, brin­ge uns zu dem Licht der Sonnenstrah­len im Innern. Geht und sucht, ob es eine solche Persönlichkeit gibt, die euch dieses Licht zeigen kann – wo auch im­mer ihr ihn finden könnt." Warum kön­nen wir dieses Wissen nicht ohne ei­nen Meister erhalten? Versteht sehr sorgfältig, dass wir von den Sinnen um­geben sind und uns für den physischen Körper halten.

Wir haben unser wahres Selbst ver­gessen. Wenn man ein kleines Kind fragt, wer es ist, öffnet es weit die Au­gen und den Mund, und versucht aus­zudrücken, was es ist, denn es hat noch ein wenig Bewusstsein von seinem wah­ren Selbst bewahrt. Doch wenn es er­wachsen wird, erklärt es: "Ich bin Ram Das, ich bin Ram Singh, ich bin Mr. Khan." Dieser kleine Bruchteil des Er­wachens ging verloren, und um es wiederzuerlangen, brauchen wir die Hil­fe eines Meisters. Selbst wenn hundert Monde und tausend Sonnen aufgehen, ist trotz all diesen Lichts ohne einen Meister alles äußerste Dunkelheit. Wenn das innere Auge nicht geöffnet ist, wie kann man dann sehen? Dieses Auge wird Shiv Netra genannt, das Dritte Auge, das Einzelauge. Wenn dein Auge eins ist, wird dein ganzer Körper voller Licht sein. Und: Wenn die zehn Sinne unter Kontrolle sind, wird die Seele vom strahlenden Licht erfüllt. Aber wie kann man die Sinne kon­trollieren und sie nach innen wenden? Dieses Geheimnis lehrt uns der Satguru. Alles äußere Lernen hängt mit der Aufmerksamkeit zusammen, doch sie zerstreut sich dabei nach außen; das wahre Wissen erlangt man dadurch, dass man sich nach innen wendet. Das ist das ABC der Spiritualität. Wo die Philosophien der Welt enden, beginnt die wahre Religion.

Wenn man zum Satguru kommt, öff­net sich der Pfad des richtigen Verstehens, indem man das innere Wissen er­fährt. Oh Bruder, wenn man dem Sat­guru begegnet, wird man befähigt, nach innen zu gehen. Selbst wenn wir im Äußeren etwas lernen, brauchen wir Hilfe, und natürlich kann diese noch exaktere Art des Wissens nicht ohne die Hilfe eines Experten erlangt wer­den. Die kleine Erfahrung, die uns am Anfang gegeben wird, vergrößert sich durch die tägliche Verbindung. Der Tod während des Lebens enthüllt das Ge­heimnis. Ihr werdet sehen. Wenn sich die Aufmerksamkeit zurückzieht und der Körper gefühllos wird, könnt ihr sagen: "Ja, ich habe das erfahren." Wer diese Erfahrung erhalten hat, kann es als praktischen Beweis bestätigen, selbst wenn es nur eine kleine Erfahrung war. Es ist wie in der Wissenschaft und nicht eine Sache auf der Ebene der Sinne und der Gefühle, denn die See­le selber macht die Erfahrung, und je höher sie sich erhebt, über das Astra­le und Kausale erhebt, um so mehr Er­fahrung wird sie erhalten. Schließlich sieht die Seele: Ich und mein Vater sind eins – Er wirkt durch mich.

Konzentration auf den unbeschreibli­chen Ton ist das Wissen. Der früchtespendende Baum des Mei­sters ist grün und sein Schatten reicht weit.

Der Meister wird mit einem gewalti­gen, schattenspendenden Baum mit fri­schen grünen Blättern verglichen, des­sen Blüten voller Duft sind. Wer in sei­nem Schatten sitzt, empfindet ange­nehme Kühle. Maulana Rumi sagt, dass unser Herz bei jemandem verweilen sollte, der den Zustand des Herzens kennt. Dann stellt er selber die Frage, wie das möglich ist, und gibt die Ant­wort, dass man unter einem Baum sit­zen sollte, dessen Blütenduft alles er­füllt. Man sollte nicht ziellos in der Welt herumwandern, sondern in ein Geschäft gehen, wo Honig verkauft wird, denn in der Welt werden viele Dinge gelehrt – es brodeln riesige Töp­fe, und man sollte nicht dorthin gehen und sich ohne zu überlegen arglos sei­ne Schale füllen lassen. Es gibt viele Schwarzmärkte in der Welt, aber noch mehr, wenn es um die sogenannte Spi­ritualität geht. Einmal war Jesus ver­ärgert über die Pharisäer, weil sie den Tempelbezirk mit ihrem Geldwechseln entweihten, und er vertrieb sie. Bulleh Shah hat das sehr deutlich beschrie­ben: An den heiligen Orten leben Be­trüger, in den Tempeln leben Halsab­schneider, in den Moscheen leben be­rufsmäßige Prediger, doch die wahren Liebenden leben woanders. Das zeigt, wie tief der Mensch gesunken ist.

Religionen sind gut und schön, aber es sollte ein geeigneter Lehrer da sein, eine verwirklichte Seele. Statt dessen findet man eine arme Seele, die damit ihren Lebensunterhalt verdient. Er muss bestimmte Vorschriften einhalten, oder er wird entlassen. Was kann man schon von so einem armen Menschen erhal­ten? All diesen Gemeinschaften lag ei­ne edle Absicht zugrunde, doch durch den Verfall gingen sie nach unten und entsprechen nicht mehr dem Ideal. Sie verlangen Opfergaben, Geld, Blumen oder ähnliches, dann geben sie ihren Segen und sagen: "Geh mein Kind, die Erlösung ist dir gewiss!" und verteilen noch "heilige Speise", um den Handel perfekt zu machen. Der gute alte Brauch verdirbt sich selbst. Die Bräu­che entstanden, um den Menschen zu helfen, frei zu werden, doch nun sind sie zu Fesseln für sie geworden. Je­mand, der einer bestimmten Religion angehört, hat Angst, mit Angehörigen einer anderen Religion Umgang zu haben. Das ist das Ergebnis davon, dass die Lehre nicht richtig weitergegeben wird. Unser Hazur Baba Sawan Singh Ji sagte immer: "Ihr habt das Geschenk (die Erfahrung) erhalten und könnt hingehen, wohin ihr wollt; wenn ihr dort etwas Besseres findet, nehmt es, und auch ich werde dorthin gehen." Wir sind Schüler der Wahrheit und soll­ten dahin gehen, wo wir sie erhalten können.

Der früchtespendende Baum des Meisters ist grün, und sein Schatten reicht weit.
Im Schatzhaus des Meisters finden wir kostbare Juwelen.

Das Schatzhaus des Meisters (Bhandar) ist ein Ort, wo man etwas un­schätzbar Wertvolles erhält. Geht und sitzt in dem erfrischenden Schatten. Nach einem langen "Fußmarsch durch die heiße Sonne fühlt man sich wie­derbelebt, wenn man ein wenig im kühlen Schatten eines belaubten Bau­mes verweilt. Wenn man zu den Füßen einer verwirklichten Seele sitzt, wird einem die Wirklichkeit bewusster, und man merkt, wie unwirklich die Welt ist. In der Gemeinschaft des Meisters erkennt man Gott. In Seiner Gegen­wart scheint Gott ganz nah zu sein, doch wenn man Seine Gegenwart verlässt, fällt man wieder in den alten Zu­stand zurück. Dieses Juwel des Wis­sens – das richtige Verstehen – findet man im Schatzhaus des Meisters, und man erhält es zu Seinen Füßen.

Im Schatzhaus des Meisters erhaltet ihr die reine Liebe von Naam.
Wenn der Körper verfällt und der Tod seinen Tribut verlangt,
gibt es nichts als Elend und Reue.

Wenn ihr diese wichtige Aufgabe (die Verbindung mit Naam zu erhalten) nicht während des Lebens erfüllt, wird nach dem Verfall der physischen Form das Elend noch größer, wenn ihr in die Hand von Yama, dem Herrn des To­des, gelangt. Dann erntet ihr die Früch­te von allem, was ihr während des Le­bens gesät habt und werdet so weiter­hin im Kreislauf bleiben. Doch wenn ihr euch über die Sinne erhebt und den süßen Nektar von Naam kostet, ist eu­er Kommen und Gehen zu Ende. Wenn ihr auf der Sinnesebene lebt, werdet ihr ewig in den Ketten von Geburt und Tod gebunden bleiben, ganz gleich, wie viele gute Karmas ihr auch an­sammelt. Der juwelenbesetzte Schatz liegt jenseits dieser Welt. Er hat mit den Sinnen nichts zu tun und kann des­halb nicht durch sie erlangt werden.

Ein Meister, der einen solchen Schatz hat und ihn uns geben kann, ist sehr selten zu finden. Zur Zeit von König Janak gab es nur einen in ganz Indien – Ashtavakra. Sukhdev Swami fand auch nur einen – König Janak. Natür­lich ist es um so besser für die Welt, je mehr da sind. Es macht keinen Unterschied, wo eine verwirklichte Seele lebt – im Dschungel oder in der Stadt.

Wenn man einem vollkommenen Meister begegnet, der all diese Eigenschaften besitzt, erlangt man die Erlösung, während man normal lebt, lacht und gewöhnliche Kleider trägt. Er wird euch nicht raten, euer Zuhause und eure familiären Verpflichtungen aufzu­geben, sondern wird sagen, dass ihr von den 24 Stunden des Tages 2-3 Stunden für diese heilige Aufgabe freihalten sollt. Diese Aufgabe muss genauso erfüllt werden wie die weltlichen Pflichten, also verdient euren Lebensunterhalt und steht auf eigenen Beinen.

In alten Tagen war es so, dass die, die die Welt verlassen hatten, um ein spi­rituelles Leben zu fuhren, niemals Geld für ihren Lebensunterhalt sammelten und auch keinen Besitz hatten. Sie aßen, wenn ihnen Essen angeboten wurde. Doch heutzutage ist diese Art zu leben zu einem Geschäft geworden, und sie begannen, nicht nur alle mög­lichen Sachen, sondern auch Geld zu sammeln. Das, was heute daraus ent­standen ist, ist weit vom ursprüngli­chen Sinn entfernt – Blinde führen Blinde. Das ist der Hauptgrund, war­um der Begriff "Guru" bei den mei­sten Menschen in Verruf geraten ist. Sie sagen, es ist besser, die Schriften zu Hause zu lesen, als zu einem Mei­ster zu gehen.

" Das gehört mir, das gehört mir ", sagen sie, doch dann verließen sie die Welt und nahmen weder Körper, Reichtum, Frau oder Familie mit.

Die ganze menschliche Rasse ist damit beschäftigt, Besitz anzusammeln, doch keine Seele kann beim Tod ir­gend etwas mitnehmen – weder Besitz, noch Menschen – nicht einmal der Körper, der ihr erster Gefährte in dieser Welt war, wird sie begleiten. Man hat das ganze Leben lang seine Aufmerksamkeit vergeudet.

Ohne Naam haben alle äußeren Reichtümer keinen Wert, denn dann hat man den Weg vergessen.

Wir sind Bewohner des physischen Körpers, so sehr identifiziert mit ihm, dass wir uns selbst vergessen haben, wir sehen nicht auf der Ebene der See­le, sondern nur auf der Ebene des Kör­pers. Es ist ein Zustand tiefen Vergessens. Reich und arm, gebildet und un­gebildet, alle sind im selben Zustand der Täuschung. Der Körper besteht aus Materie, die Welt besteht aus Materie, und beide verändern sich mit dersel­ben Geschwindigkeit. Weil wir mit dem Körper identifiziert sind, denken wir, wir stünden still und würden uns nicht verändern. Die ganze Welt leidet un­ter zwei Arten der Täuschung – jar-maya und chaitan-maya – die groben und feinen Arten der Illusion. Wir lö­sen uns aus dem Griff dieser Illusionen, wenn eine Meisterseele uns über sie erhebt, uns das spirituelle Auge öffnet und uns auf den Pfad stellt. Ansonsten macht es keinen Unterschied, ob man äußeres Wissen hat oder nicht. Die geistige Unwissenheit bleibt.

Eigentlich ist es so, dass ein Ungebildeter schneller auf dem spirituellen Pfad vorankommt, denn wenn man ihm sagt: "Geh nach oben", wird er beginnen, ohne zu zögern oder zu fragen. Doch ein Gebildeter wird erst einmal stehenbleiben und fragen: "Warum? Wie viele Stufen gibt es? Was ist an der Spitze? Ich hoffe, ich werde nicht ausrutschen und fallen." Dieses intel­lektuelle Zögern hält ihn dort fest, wo er ist. Er wird nie nach oben gehen. Trotzdem ist es wahr, dass ein Gebil­deter, der nicht zulässt, dass ihm sein Intellekt im Weg steht, nützlicher sein kann als andere (weil er die Lehre er­klären kann). Doch solche Fälle sind selten. Das äußere Wissen ist wie ei­ne Blumengirlande, die einen ver­wirklichten Menschen schmückt, der die Wahrheit auf vielerlei Arten er­klären kann. Doch für eine nicht ver­wirklichte Seele ist das gleiche Wis­sen wie eine Last auf einem Esel.

Indem er dem wahren Meister dient, erkennt der Gurmukh den Unbeschreib­lichen.

Werdet jemand, der Ihm dient, in dem sich der ewig seiende und unvergängliche Herr offenbart: dem Meister. Wer kann ihn erkennen? Nur ein Gurmukh. Und wer ist ein Gurmukh? Wer eins ist mit dem Guru. Ein Fakir sagte, dass die Gottsucher Ihn in den Wellen des Ozeans des Gemüts verloren haben –- in den Gedanken des Verstandes. Geht und sucht einen wahren Meister, um richtiges Verstehen zu erhalten.

Wir kommen und gehen im Rad des Lebens entsprechend der Karmas – wie kann das, was geschrieben steht, ausgelöscht werden? Gesetz ist Gesetz.

Man muss durch das hindurch, was im Jenseits festgelegt wurde. Wer die Welt und alles, was dazugehört, liebt, wird wieder und wieder in sie zurückkeh­ren. Gute Handlungen bringen ihm Glück und schlechte Handlungen Elend. Hölle, Himmel und immer wie­der eine neue Geburt. Wenn man sich über die Sinne erhebt und das innere Wissen erfahrt, kann man neh-karma (frei von Karmas) werden. Für einen solchen Menschen hört das ewige Rad des Lebens auf sich zu drehen. Der einzige Grund für unser ständiges Wiederkommen in die Welt ist unsere Bindung daran. Wenn wir Gott ein wenig lieben, geht es uns meist um weltliche Vorteile und nicht darum, Ihn um Seiner Selbst willen zu erkennen. Wenn ein gottverwirklichter Mensch uns das richtige Verstehen gibt, lehrt er uns die wahren Werte des Lebens, und wie man den besten Gebrauch von allem macht.

Ohne Gottes Namen gibt es keine Freiheit, doch das Wissen des Gurus gibt uns die Verbindung.

Wir können diesen Namen oder Naam nicht selber erkennen, denn welche Praktiken wir auch ausüben, wir bleiben damit auf der Ebene der Sinne. Wir müssen uns auf das Wissen des Meisters verlassen, denn Leben kommt von Leben und Licht von Licht.

Außer Ihm habe ich niemanden. Er ist mein Leben und mein Atem.

Er spricht aus Erfahrung, denn Er hat gesehen, dass alles von Gott erhalten wird. Wir können das nicht erfahren, weil wir im Äußeren zerstreut sind. Die Meister sprechen nicht von sich aus, sondern ihre Worte kommen direkt von Gott, denn sie sind in ständiger und direkter Verbindung mit Ihm. Sie sind mit Gott verbunden. Ein Fakir erklärt, dass das, was die Meister sagen, Gott selber sagt, obwohl es scheint, als kämen die Worte aus einer menschlichen Kehle.

Alle werden verzehrt von Ego, Verhaftung, Gier und Stolz.
Oh Nanak, meditiere über Shabd und erkenne die höchste Einheit.

Shabd ist dasselbe wie Naam. Gott ist Ashabd, doch Seine Offenbarung ist Shabd. Schöpfung und Auflösung entstehen durch Shabd, durch Shabd kommt eine neue Schöpfung. Shabd ist die Kraft hinter der ganzen Schöpfung und der Auflösung. Es gibt zwei Arten von diesem Shabd, Naam oder dem Wort: Das eine ist das äußere, auf der Ebene des Gemüts und des Verstandes, und das andere ist darüber. Das letztere ist das, was man durch die Gnade des Meisters erhält. Erlangt die Verbindung mit diesem Shabd und meditiert darüber. Das Ergebnis wird sein, dass ihr einen Schatz an Wissen erlangt, ihr werdet die größte Errungenschaft erhalten: Die Musik der Sphären zu kennen.

Das war eine Hymne von Guru Nanak Sahib, der sehr offen versucht hat, uns den Weg des richtigen Verstehens und seinen unschätzbaren Wert zu lehren. Nun sagt Dhani Dharam Das Ji, der Kabir nachfolgte:

Oh Gott, wohin hast Du mich geschickt? An jenem unwandelbaren Ort leben die Hansas, und hier ist nur das Spiel des Negativen.

Er beschwert sich bei Gott: "Ich bin ein bewusstes Wesen, eine Seele, und der Ort, wo ich hingehöre, ist Sat Lok; ich bin der Bewohner der wahren Heimat, doch wo bin ich jetzt? Der unwandelbare Ort liegt dort, wo die Hansas leben – die zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden können. Wie wurde ich nur in dieser negativen Täuschung gefangen?

"Oh Geliebte (Seele), deine Heimat war ein Ort allen Bewusstseins, doch du hast dich an die Materie gebunden. Mensch, deine Heimat bestand nicht aus Materie, denn du wohntest an einem reinen Ort, und doch steckst du hier fest in Lehm und Wasser." Hunderte von Weisen drücken diesen Gedanken aus. Guru Nanak sagt: Du wohnst in der unvergänglichen, wahren Heimat, und ich bin verloren in vergänglicher Materie. Lernt also zu sterben, damit ihr zu leben beginnen könnt. Wenn ihr Sehnsucht nach dem ewigen Leben habt, lernt vor dem Tod zu sterben. Alle Meister lehrten, wie man den Körper während des Lebens verlassen kann.

Der unvergängliche Nektar erhält alles im Land des Sat Purush (des wahren Wesens).

Dieser Ort liegt jenseits des Kreises von Kai (negative Kraft) und Maha Kai, wohin Auflösung und große Auf­lösung nicht kommen. Wer den Sat Purush kennt, ist der Satguru, und in Seiner Gemeinschaft erlangt der Schüler Erlösung. Oh Nanak, singe das Lob Gottes. Und: Wenn man dem Satguru begegnet, sehen die Augen. Der Meister befähigt die Seele, dieselbe Stufe zu erreichen, auf der Er steht. Wer eins geworden ist mit dem Sat Purush, wird die suchenden Seelen auch dorthin bringen. Wer nur eine Zwischenprü­fung gemacht hat, kann nicht an der Universität lehren. Wer Pind (die phy­sische Welt) überstiegen hat, verdient zweifellos einen gewissen Respekt, doch wir sollten sehen, wie weit er über Pind hinausgegangen ist.

Es ist sehr schade, dass die tatsächli­chen Worte der Meister nicht immer überliefert sind, denn ihre Worte wurden gewöhnlich erst zusammengetragen, nachdem sie die Welt verlassen hatten. Es ist sogar möglich, dass die Worte einiger Meister, die weiter gegangen sind, niemals aufgeschrieben wurden. So ist es schwierig zu unterscheiden, bis wohin jemand gekommen ist. Kabir Sahib sagt: Sagt nicht, dass die heiligen Schriften lügen. Ein Lügner ist, wer nicht praktiziert, was er liest. Wenn ihr nach innen geht, werdet ihr diese Meister treffen, so wie ihr die Leute hier trefft, wenn ihr nach Delhi kommt.

Dharam Das bittet mit gefalteten Händen:
Oh Gott, bringe mich in Dein Land, ich kann die Schlinge des Herrn des Todes nicht länger ertragen.
Mache es wie Du willst, aber halte Dei­ne Aufmerksamkeit auf mich gerichtet.

Die Welt ist ein Ort von Geburt und Tod – "Bringe mich in meine wahre Heimat, oh Satguru, es liegt allein in Deiner Hand." Jene Gotteskraft, die Wahrheit, wirkt im menschlichen Pol des Satguru. Sie wirkt auch in uns allen, doch hat sie sich nicht in allen Menschen offenbart. Reichtum, Bindung, alles ist Illusion – alles ein Spiel von Kal. Die Welt ist verloren im Vergessen, weil die Gedanken sich endlos im Äußeren zerstreuen. Wo eure Aufmerksamkeit hingeht, werdet ihr sein, und das ist der Grund, weshalb ihr wie­der und wieder in die Welt kommen müsst. Der Meister offenbart uns die Öffnung, in der das Geheimnis verborgen ist. Wenn man die Türen schließt, hört man Anhad (den Ton der aus sich selbst erklingt). Wenn ihr dahin kommt, dass ihr Anhad erfahrt, bedeutet das, dass ihr bei eurer Aufgabe erfolgreich wart. Das wird erst dann sein, wenn ihr euch völlig von allem, was euch im Äußeren anzieht, zurück­gezogen und euch über das Gemüt und die Sinne erhoben habt.

Durchbrich die Täuschung, durchtrenne die Verhaftung, und gib mir Nirvana, jenen ewig bestehenden Ort der Hansa, den nur sehr wenige erreichen.

Dharam Das bittet mit gefalteten Hän­den: Lass ihn sein Ziel erreichen und befreie ihn aus diesem Rad.

"Oh Gott, segne mich mit dem Zustand jenseits der drei Eigenschaften. Reichtum und Verhaftungen ziehen mich wieder und wieder hierher. Hilf mir aus all dem heraus und bringe mich an jenen Ort, der immer und ewig besteht, wohin nur wenige gelangen – nur die, die wie Hansas sind, die zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden können." Das ist sein Gebet an die Gnade des Satgurus.

Das ist die Lehre der Meister – der Menschen, die das wahre Wissen erkannt haben. Lebt, wo ihr wollt, bleibt in eurer Religion, doch macht euer Le­ben gut, rein und rechtschaffen.