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Das Spiel des Gemüts

Auszüge aus einem handschriftlichen Manuskript Sant Kirpal Singhs
Da an einer Stelle das Manuskript beschädigt war, wurden die fehlenden Worte sinngemäß ergänzt. 


Für diesen Weg sind vier Eigenschaften notwendig: Unterscheidungsvermögen, Wunschlosigkeit, gutes Verhalten und Liebe.   

I  Unterscheidungsvermögen
Die erste dieser Eigenschaften ist zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Das dürfte nicht schwerfallen, da diejenigen, die dem Meister folgen, sich bereits entschieden haben, unter allen Umständen das Richtige zu tun. Doch der Körper des Menschen und der eigentliche Mensch sind zweierlei, und der Wille des Menschen stimmt nicht immer mit dem überein, was der Körper will.  
 
Wenn euer Körper etwas wünscht, haltet ein und überlegt genau, ob ihr selbst dies wirklich wünscht. Denn ihr seid Gott1 und daher wollt ihr nur das, was Gott will; allerdings müsst ihr tief in euer wahres Selbst eindringen, um Gott in euch zu finden und Seine Stimme zu hören, die ebenso eure Stimme ist. Haltet nicht euren Körper für euer wahres Selbst – weder den physischen, noch den astralen, noch den mentalen (kausalen) Körper. Jeder dieser Körper wird vorgeben, euer wahres Selbst zu sein, um das zu erreichen, was er sich wünscht. Ihr aber müsst über alle diese Körper Bescheid wissen, und ihr müsst wissen, dass ihr der Herr darüber seid.

Wenn eine Arbeit ansteht, die erledigt werden muss, möchte der physische Körper sich dann gerade ausruhen oder spazieren gehen oder etwas essen und trinken, und wer unwissend ist, sagt: „Ich möchte das tun und so muss ich es auch tun. "Aber ein Mensch, der um diese Dinge weiß, sagt: "Das, was diesen Wunsch hat, bin nicht ich, und deshalb muss es etwas warten."
  
Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, jemandem behilflich zu sein, reagiert der Körper mit dem Gefühl: "Das wird anstrengend werden, lass es doch jemand anderen tun!" Der Mensch aber antwortet dem Körper: "Du wirst mich nicht davon abhalten, etwas Gutes zu tun." Der Körper ist euer Pferd, auf dem ihr reitet. Deshalb müsst ihr ihn gut behandeln und für ihn sorgen, ihr solltet ihn nicht überanstrengen. Ernährt ihn auf richtige Weise mit reiner Nahrung und reinen Getränken und haltet ihn keusch, ohne auch nur einen Hauch von Schmutz zuzulassen. Doch immer müsst ihr derjenige sein, der den Körper unter Kontrolle hat, und nicht der Körper euch.   

Das astrale Gemüt möchte, dass ihr ärgerlich werdet, dass ihr heftige Worte äußert, dass ihr eifersüchtig und geldgierig seid und andere um ihren Besitz beneidet, und dass ihr in Depressionen versinkt. All das und noch viel mehr möchte es – nicht, um euch zu schaden, sondern einfach deshalb, weil es heftige und ständig neue Gefühlsaufwallungen liebt. Aber ihr möchtet nichts von alldem, und daher müsst ihr zwischen dem, was ihr wünscht, und dem, was euer Körper will, unterscheiden.
  
Euer mentaler (kausaler) Körper möchte sich stolz für etwas Besonderes halten und viel an sich selbst und kaum an andere denken. Selbst wenn ihr ihn von den weltlichen Dingen abgebracht habt, wird er immer noch versuchen, für sich selbst etwas zu bewirken und euch nur an den eigenen Fortschritt denken zu lassen, statt an Meisters Arbeit und daran, anderen zu helfen. Wenn ihr meditiert, wird er versuchen, euch nur an das denken zu lassen, was er will, statt an das, was ihr möchtet. Ihr seid nicht dieses (kausale) Gemüt, sondern ihr habt es, um es zu benutzen, und dafür ist es wiederum notwendig zu unterscheiden.   
Versucht zu erkennen, was wert ist, getan zu werden und bedenkt, dass ihr es nicht nach dem Umfang beurteilen solltet. Eine Kleinigkeit, die unmittelbar Meisters Arbeit dient, ist von weit größerem Wert als eine große Aktion, die in den Augen der Welt als "gut" gelten mag. Ihr müsst nicht nur das Nützliche vom Unnützen, sondern das Nützlichere vom weniger Nützlichen unterscheiden.   

Den Armen zu helfen, indem man sie mit Nahrung versorgt, ist gut und eine edle Aufgabe; edler noch und von größerer Hilfe ist es, darüber hinaus ihrer Seele Nahrung zu geben als nur ihrem Körper. Jeder Wohlhabende kann sie physisch mit Essen versorgen, aber nur diejenigen, die das Wissen haben, können der Seele Nahrung geben. Wenn ihr dieses Wissen habt, ist es eure Pflicht, anderen zu helfen, es auch zu erlangen.

Gott ist sowohl Weisheit als auch Liebe; und je größer eure Weisheit ist, desto mehr könnt ihr von Ihm offenbaren. Lernt also, aber lernt vor allem, was euch am meisten hilft, anderen zu helfen. Lernt geduldig, doch nicht, damit die anderen euch für weise halten; auch nicht etwa dafür, dass ihr euch glücklich fühlen könnt, weise zu sein, sondern allein deshalb, weil nur derjenige, der weise ist, dem anderen auf "kluge" Art von Hilfe sein kann. Ihr müsst lernen, durch und durch wahrhaftig zu sein in Gedanken, Worten und Taten.   

II. Wunschlosigkeit
Es gibt einige, die allem weltlichen Streben entsagen, nur um in den Himmel zu kommen oder von der Wiedergeburt befreit zu werden. In diesen Irrtum dürft ihr nicht verfallen. Wenn ihr euch selbst ganz und gar vergessen habt, könnt ihr gar nicht mehr darüber nachdenken, wann dieses Selbst selbstlos sein oder in welche Art von Himmel es kommen wird. Bedenkt, dass jeder eigennützige Gedanke euch bindet, selbst wenn es dabei um ein noch so hohes Ziel geht, und solange ihr ihn nicht abgelegt habt, seid ihr nie völlig frei, euch der Arbeit für Meister ganz hinzugeben. Ihr müsst das Richtige tun, einfach weil es richtig ist, ohne einen Lohn dafür zu erwarten; ihr müsst die Arbeit um der Arbeit willen tun, ohne auf ihre Früchte zu hoffen; ihr müsst für die Welt arbeiten, um der Welt willen, weil ihr sie selbstlos liebt, ohne auf die Früchte zu hoffen.    

Auch müsst ihr euch vor gewissen kleinen Wünschen hüten, die im täglichen Leben üblich sind: Vermeidet, in eurem Denken "clever" zu sein oder vor anderen clever zu erscheinen. Habt nicht den Wunsch, ständig zu reden. Es ist gut, wenn man wenig spricht; besser ist es noch, gar nichts zu sagen, es sei denn, ihr seid ganz sicher, dass das, was ihr sagen wollt, tatsächlich wahr, freundlich und hilfreich ist.   

Einen anderen üblichen Wunsch müsst ihr mit Bestimmtheit zurückweisen: Sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen, sei es direkt oder indirekt, privat oder öffentlich. Seht ihr, dass einem Kind oder einem Tier eine Grausamkeit angetan wird, ist es eure Pflicht einzuschreiten. müsst ihr jemanden betreuen und ihm etwas beibringen, kann es zu eurer Pflicht gehören, ihn freundschaftlich auf seine Fehler hinzuweisen. Ausgenommen von solchen Fällen gilt: Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten und erlernt den Wert des Schweigens.
  
III Gutes Verhalten   
Was das Verhalten betrifft, sind sechs Punkte besonders zu beachten:
    1.    Kontrolle über das Gemüt   
    2.    Selbstkontrolle und praktisches Handeln   
    3.    Toleranz   
    4.    Heiterkeit   
    5.    Klare Ausrichtung   
    6.    Vertrauen
   
1. Kontrolle über das Gemüt
   
Kontrolle über das Gemüt bedeutet Kontrolle über seine Stimmungen, so dass man weder Ärger noch Ungeduld verspürt, aber auch Kontrolle über das Gemüt selbst, damit es nicht aus dem Gleichgewicht kommt, und dadurch Kontrolle über die Nerven, so dass sie so wenig wie möglich gereizt werden.   
Diese Selbstkontrolle wird euch stark machen, so dass ihr Prüfungen und Schwierigkeiten auf dem Pfad furchtlos begegnen könnt, die im Leben von jedem auftreten. Dadurch werden die unnötigen Sorgen über Kleinigkeiten vermieden, mit denen die meisten Menschen ihre Zeit verbringen. Der Meister sagt, dass es von keinerlei Bedeutung ist, was auf einen Menschen von außen zukommt: Sorgen, Schwierigkeiten, Krankheiten, Verluste – all das muss von jedem ertragen werden, darf aber die Gemütsruhe eines Menschen nicht beeinträchtigen. Es sind Rückwirkungen aus der Vergangenheit, und wenn sie eintreten, müsst ihr sie willig auf euch nehmen und dabei bedenken, dass alles Unangenehme vorübergeht und dass ihr freudig und heiter sein sollt. Diese Rückwirkungen gehören zu eurem früheren Leben, nicht zu dem jetzigen; ihr könnt sie nicht abändern, weshalb es nutzlos ist, sich darüber zu grämen. Erlaubt euch niemals, niedergeschlagen oder bedrückt zu sein. Depressiv zu sein ist falsch, weil es auch andere ansteckt und deren Leben schwerer macht, wozu ihr kein Recht habt. Sollte das euch je überkommen, werft es sofort hinaus. Haltet euer Gemüt frei von Stolz, denn Stolz entsteht nur aus Unwissenheit. Derjenige, der unwissend ist, bildet sich ein, er sei groß, er habe dies und jenes "Großartige" geleistet; der Weise weiß, dass allein Gott groß ist und dass alles Gute nur durch Gott geschieht. 
 
2. Selbstkontrolle und praktisches Handeln
   
Bedenkt, um der Menschheit von Nutzen zu sein, müssen Gedanken in Handlungen münden. Es darf keine Trägheit aufkommen, vielmehr muss man unablässig mit einer guten Arbeit beschäftigt sein. Doch es muss eure eigene Arbeit sein, in die Pflicht eines anderen könnt ihr nicht eingreifen, es sei denn, mit dessen Erlaubnis und um ihm zu helfen. Lasst jeden frei, seine Arbeit auf seine eigene Art zu erledigen; haltet euch stets bereit, dort Hilfe anzubieten, wo sie gebraucht wird, aber mischt euch niemals ein. Wenn ihr eine höhere Aufgabe übernehmen wollt, dürft ihr eure gewöhnlichen Pflichten darüber nicht vernachlässigen, denn solange diese nicht erfüllt sind, seid ihr nicht frei für einen anderen Dienst.
  
3. Toleranz
  
Ihr müsst allen völlige Toleranz entgegenbringen, und ebenso ein gesundes Interesse an den Glaubensansichten anderer Religionsangehöriger wie an eurem eigenen Glauben haben. Denn ihre Religion ist genau wie die eure ein Pfad zu dem Höchsten. Um aber diese vollkommene Toleranz zu erlangen, müsst ihr selbst von jeglicher Bigotterie und jedem Aberglauben frei sein. Nachdem euer Auge geöffnet wurde, mag es sein, dass euch manche eurer alten Glaubensformen und Zeremonien absurd vorkommen – und vielleicht sind sie es auch tatsächlich. Und selbst wenn es euch nicht mehr möglich ist, sie auszuführen, achtet sie dennoch um derer willen, für die sie immer noch bedeutsam sind. Man kann sie mit den Doppellinien vergleichen, die euch als Kind von Hilfe waren, damit ihr gerade und gleichmäßig schreiben konntet, solange, bis ihr viel besser und freier ohne sie auskommen konntet. Das war ein Zeitabschnitt, in dem ihr diese Doppellinien gebraucht habt, aber jetzt ist diese Zeit vorüber. Einmal schrieb ein großer Lehrer: "Als ich ein Kind war, sprach ich wie ein Kind, begriff ich wie ein Kind und dachte ich wie ein Kind; aber als ich erwachsen war, legte ich alles ab, was kindisch war." Wer seine eigene Kindheit vergessen und die Sympathie Kindern gegenüber verloren hat, ist niemand, der andere lehren oder ihnen von Hilfe sein kann. So betrachtet alle mit Freundlichkeit, Höflichkeit und Toleranz: alle – gleich, ob Buddhisten, Hindus, Jains, Juden, Christen oder Moslems.
   
4. Heiterkeit
  
Ihr müsst euer Karma heiter ertragen. Wie schwer es auch sein mag, seid dankbar, dass es nicht noch schlimmer ist. Denkt daran, dass ihr nur von geringer Hilfe für Meister seid, bis euer schlechtes Karma abgegolten ist und ihr frei seid. Indem ihr euch Ihm hingegeben habt, batet ihr darum, euer Karma beschleunigt abzuwickeln, und nun habt ihr in einem oder zwei Leben das abzutragen, was sich ansonsten über hundert Leben hingezogen haben könnte. Um aber daraus das Beste zu machen, müsst ihr das Karma heiter und froh ertragen. Noch ein weiterer Punkt: Ihr müsst all euer Gefühl für Besitz aufgeben. Das Karma mag euch die Dinge wegnehmen, die ihr am meisten mögt, selbst die Menschen, die ihr am meisten liebt. Auch dann müsst ihr frohen Mutes bleiben und bereit, alles und jedes aufzugeben. Oftmals muss Meister über Seinen Diener Seine Stärke an andere verströmen lassen. Das kann Er nicht tun, wenn der Diener in Depressionen versunken ist – so ist also Heiterkeit geboten. 
 
5. Klare Ausrichtung
  
Was ihr vor Augen haben müsst, ist: Meisters Arbeit zu tun, ganz gleich, was sich euch in den Weg stellen mag. Das zumindest dürft ihr niemals vergessen. Doch kann sich euch nichts in den Weg stellen, denn jede hilfreiche, selbstlose Arbeit ist Meisters Arbeit, und ihr müsst sie um Seinetwillen tun. Darüber schrieb ein Lehrer: "Was auch immer du tust, tue es mit ganzem Herzen, so wie du es für den Herrn selbst tun würdest und nicht nur für den Menschen." Denkt einmal darüber nach, wie ihr eine Arbeit ausführen würdet, wenn ihr wüsstet, Meister käme und würde sie begutachten. Ganz genau in der gleichen Art müsst ihr all eure Arbeit tun. Und es gibt noch ein anderes Zitat, das viel älter ist: "Was auch immer deine Hand zu arbeiten findet, das tue mit all deiner Kraft." Eine klare Ausrichtung bedeutet auch, dass nichts mehr – und sei es nur für einen Augenblick – euch jemals von dem Pfad, den ihr betreten habt, abbringen könnte. Keinerlei Versuchungen, weltliche Vergnügungen und Verhaftungen dürfen euch jemals vom Pfad wegziehen.   

6. Vertrauen
  
Ihr müsst eurem Meister vertrauen, ihr müsst euch selbst vertrauen. Ihr – euer wahres Ich – seid ein Funken von Gottes eigenem Feuer, und Gott, der allmächtig ist, ist in euch – und daher gibt es nichts, was ihr nicht tun könntet, sofern ihr es wollt.
  
IV  Liebe   
Von all diesen guten Eigenschaften ist Liebe die bedeutendste, denn wenn sie im Menschen stark genug ist, drängt sie ihn, alle übrigen Eigenschaften zu erwerben – alles übrige ohne die Liebe wäre allerdings ungenügend. Häufig wird sie als ein brennender Wunsch nach der Befreiung von dem Kreislauf der Geburten und Tode und nach der Vereinigung mit Gott übersetzt; wenn man sie aber auf diese Weise auffasst, klingt es selbstsüchtig und gibt nur einen Teil ihrer Bedeutung wieder. Es ist tatsächlich der Wille, mit Gott eins zu sein, aber nicht, um Sorgen und Leid zu entrinnen, sondern wegen eurer tiefen Liebe für Ihn. Weil Er Liebe ist, müsst ihr, wenn ihr eins mit Ihm werden wollt, ebenso von vollkommener selbstloser Liebe erfüllt sein.